Bremen - Tran für Lampen und Beleuchtung, Bartenplatten für Fischbeinprodukte – nachdem die Holländer den Walfang so richtig in Schwung gebracht hatten, wollten auch die Bremer im 17. Jahrhundert am Boom teilhaben. Wie das damals war, ist ein Thema des neuen Bands der Jahrbuchreihe „Tendenzen“, die das Übersee-Museum herausbringt. „Faszination Wale – Von Menschen und Walen“ lautet der Titel des Werks, das Dr. Hartmut Roder, Leiter der Abteilung Handelskunde, herausgegeben hat.

Titel und Thema kommen nicht von ungefähr. Denn vom 7. November bis zum 24. April 2016 zeigt das Museum die Ausstellung „Faszination Wale – Mensch, Wal, Pazifik“. „Zum ersten Mal haben wir unser Jahrbuch als Begleitband zu einer Sonderausstellung konzipiert“, sagt Professorin Wiebke Ahrndt, Direktorin des Hauses.

Begleitband, wohlgemerkt. Nicht Katalog. Denn das Buch fasst das Thema weiter als die Ausstellung, die sich – wie der Titel es schon andeutet – auf den pazifischen Raum bezieht. Im Buch aber geht es auch um die für Bremens Wirtschaftsgeschichte bedeutende Grönlandfahrt. Das Fischbein des Oberkiefers der Grönland-Wale war Grundstoff etlicher alltäglich Gebrauchsgegenstände – vom Besteckgriff über Spazierstöcke bis zu Korsettstangen.

Später folgten die Südseefahrten. „Wahnsinnsunternehmen“ waren das, sagt Roder – jahrelange Reisen, hohe Investitionssummen. Aber eben auch die Aussicht auf gute Geschäfte, denn Tran, das aus dem Walspeck gewonnene Öl, war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein der Brennstoff für Beleuchtung in Häusern und Wohnungen. Das hörte erst auf, als der Siegeszug des Petroleums begann.

Voller Geschichten wiederum ist das Jahrbuch. Es geht darin um die titelgebende „Faszination Wale“, aber eben nicht allein. Es geht auch um Erkenntnisse. Das Eingangskapitel etwa bietet einen globalen Streifzug durch 400 Jahre Walfanggeschichte – bis hin zur Internationalen Walfangkommission. Ein Kapitel widmet sich dem Blauwal. Roder: „Was das für monströse Säugetiere sind – mit einem Herz von der Größe eines Kleinwagens.“

Ein Thema ist auch der Umgang mit Fremden – hier am Beispiel der Maori aus Neuseeland. Anno 1838 waren zwei Maori als Besatzungsmitglieder an Bord der Brigg „Virginia“ des Bremer Handelshauses Gloystein & Gevekoht – des ersten Bremer Walfängers in der Südsee – nach gut zweijähriger Reise mit nach Norddeutschland gekommen.

Die tätowierten „Wilden“ hätten „das Land der Wunder“ – Europa – zu sehen verlangt, stand damals in der Zeitung. Im „Land der Wunder“ wurden sie sensationslüstern als „Kannibalen“ vorgeführt. Weil ihr Schiff nicht wieder in die Südsee zurückfuhr, fanden die beiden Maori schließlich Asyl im damals gerade eröffneten Lesumer „Rettungshaus“.