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NWZonline.de Region Bremen

Interview: „Wir sind weiterhin handlungsfähig“

16.05.2020
Frage: Frau Bernhard, etwa 1150 bestätigte Corona-Infizierte, 36 Tote, rund 700 Menschen sind inzwischen genesen – wie bewerten Sie die Situation im Land Bremen?
Bernhard: Wir haben es zu Beginn der Pandemie geschafft, das Infektionsgeschehen auszubremsen. Das war ein sehr wichtiger und auch effektiver Schritt, den wir nur durch das Verständnis und die Einsicht der Bremerinnen und Bremer umsetzen konnten. Dadurch waren wir in den vergangenen Wochen auch in der Lage, Lockerungen umzusetzen. Gleichzeitig bleibt das Infektionsgeschehen dynamisch, wir haben in Bremen aber eine Situation, die wir beherrschen können.
Frage: Wie hat sich die Reproduktionszahl seit Mitte März entwickelt? Und wie viel neue bestätigte Corona-Fälle gibt es täglich im Schnitt in der Stadt?
Bernhard: Bei etwa 40 pro Tag müssten die Lockerungen überprüft werden. In Bremen gibt es derzeit im Schnitt 16 neue Fälle täglich, also weit von den 40 entfernt. Wir haben in den vergangenen Wochen beobachten können, dass mit verschiedenen Kennzahlen gearbeitet wurde. Natürlich ist die Reproduktionszahl an sich eine wichtige Kenngröße, für Bremen beinhaltet sie aber auch eine große Schwäche: Sie reagiert sehr stark auf Schwankungen bei Fallzahlen. Wir haben eben eine geringe Einwohnerzahl, deutlich geringer als beispielsweise ein Flächenland wie Niedersachsen. Im März lag der Wert daher auch mal bei drei und vier, Tage später bei weit unter eins. Momentan bewegt er sich bei etwas über oder unter eins. Die neue Regelung der durchschnittlich 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen bringt hier eine weitere Größe ins Spiel. Wir liegen in der Stadt bei diesem Wert durchschnittlich bei um die 20. All diese Kennzahlen spielen bei unserer Lageeinschätzung natürlich auch eine Rolle.
Frage: Ist es nicht viel wichtiger zu schauen, ob das Gesundheitssystem die Versorgung der Erkrankten bewältigen kann?
Bernhard: Damit haben Sie recht. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir mit dem Corona-Virus noch länger leben müssen. Deswegen finden wir gerade einen Weg, bei dem wir das Infektionsgeschehen beherrschen können. Natürlich steht dabei das Gesundheitssystem im Fokus: Haben die Kliniken ausreichend Kapazitäten, um Covid-19-Patienten zu versorgen, kann das Gesundheitsamt die Kontaktpersonennachverfolgung sicherstellen, wie sieht es mit der Schutzausrüstung aus? Hinzu kommt, dass wir auch die Situation der Beschäftigten, sowohl in den Kliniken als auch in den Gesundheitsämtern, beobachten und sichergehen wollen, dass die Arbeitsbelastung dort in einem vernünftigen Rahmen bleibt. Sie sehen, wir beobachten an vielen Stellen, wie sich das Infektionsgeschehen auf das Gesundheitssystem auswirkt.
Frage: Wie ist es um die Versorgung Corona-Kranker in Bremer Kliniken bestellt?
Bernhard: Wir haben zu Beginn der Pandemie gemeinsam mit den Kliniken Kapazitäten zur Behandlung von Covid-19-Patienten aufgebaut. Das sind sowohl Intensiv- und Beatmungsbetten als auch Betten auf Infektionsstationen. Außerdem wurden dafür die nicht dringend notwendigen planbaren Eingriffe abgesagt und verschoben. Dadurch haben wir viele Betten schaffen können. Diese Betten waren zu keinem Zeitpunkt ausgelastet, wir haben immer die stationäre Versorgung sicherstellen können.
Frage: Es gibt in Bremen mittlerweile um die 200 Intensivbetten. Wie viele dieser Plätze stehen zur Zeit zur Verfügung?
Bernhard: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die vorgehaltenen Betten werden zum Teil mit positiv getesteten Patienten belegt, zum Teil mit Verdachtsfällen. Diese Verdachtsfälle müssen bis zum negativen Test genauso behandelt, sprich isoliert, werden, wie die positiv Getesteten. Was wir sicher sagen können: Die Corona-Betten waren und sind nur zu rund einem Drittel bis zur Hälfte belegt. Wir sind also weiterhin handlungsfähig.
Frage: Beatmet werden in Bremen acht bis zwölf Patienten. Was ist mit den anderen Beatmungs-Betten? Langweilen sich die Ärzte und Pflegekräfte auf den Intensivstationen, zumal andere Operationen abgesagt wurden und nun erst langsam wieder anlaufen sollen?
Bernhard: Tatsächlich halten wir auch leere Betten vor, das ist auch durchaus wichtig. Die Situation bleibt weiter dynamisch. Es kann weiterhin passieren, dass wir mehr stationäre Behandlungen bekommen als aktuell. Gleichzeitig können die Kliniken inzwischen auch wieder planbare Eingriffe vornehmen, immer mit der Vorgabe, dass es ausreichend Kapazitäten für Covid-19-Patienten gibt.
Frage: Es gibt Krankenhäuser mit Kurzarbeit. Was halten Sie davon und wie sieht es im Land Bremen aus?
Bernhard: Kurzarbeit ist mir aus Bremer Kliniken nicht bekannt. Ich möchte auch betonen, dass ich ein solches Vorgehen von Kliniken nicht gutheißen kann. Wir haben eine Situation, in der die Beschäftigten der Kliniken stark unter Druck stehen – nicht nur durch die tatsächliche Arbeitsbelastung, sondern auch unter massivem psychischen Druck. Außerdem müssen Kliniken inzwischen quasi zweigleisig fahren, immer einen Anteil für Covid-19-Patienten vorhalten und auch versorgen und wieder elektive Eingriffe gewährleisten. Auch deshalb ist Kurzarbeit für mich kein Thema.

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