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nordwest-zeitung

Wahlkampf Gestern schwarz und heute rot

Gunars Reichenbachs Büro Berlin

Oldenburg/Berlin/Wiesbaden - Spektakulärer Seitenwechsel: Von der Ministeraspirantin in Norbert Röttgens CDU-Schattenkabinett (NRW) zum Team von SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel in Hessen – die Oldenburgerin Claudia Kemfert bereichert die politische Landschaft um eine schillernde Facette. Polit-Hopping als neues Hobby für eine hoch angesehene Professorin für Wirtschaft, Umwelt und Energiefragen? „Nein, überhaupt nicht“, lacht die 44-Jährige. Die Häme von CDU-NRW-Chef Armin Laschet („Macht Wahlkampf in jede Richtung“) prallt an ihr ab. „Es war Zufall, dass mich Röttgen vor einem Jahr gefragt hat, weil NRW einen hohen Nachholbedarf in Sachen Energiewende hat. Ich habe es gerne gemacht. Das ist mein Verständnis von Demokratie. Energie ist ein Riesenthema“.

Deshalb klopfte auch Schäfer-Gümbel bei ihr an. Für die Wissenschaftlerin wichtig: „Ich bin parteilos“. Und trotzdem angespannt. „Schauen wir mal, wie die Wahl ausgeht. Ich hoffe, Schäfer-Gümbel gewinnt“. Die Entscheidung fällt am 22. September.

Den SPD-Spitzenpolitiker kennt sie schon „seit vielen Jahren“ auch aus einer Arbeitsgruppe zur Energiepolitik, die das Programm für die SPD auf Bundesebene erarbeitet hat. Was den möglichen neuen Ministerpräsidenten auszeichnet? Kemfert: „Er ist sehr intelligent, sehr klug, ein guter Wahlkämpfer und sehr durchsetzungsstark. Er will die Energiewende in Hessen konsequent umsetzen.“ Bei den politischen Zielen einer SPD-Landesregierung müsse sie sich „nicht verbiegen“.

Viel Widerstand

Schäfer-Gümbel beeindruckt die Wissenschaftlerin mit seinem Führungsstil: „Er hat es geschafft, die Partei hinter sich zu bringen und ich erlebe ihn als einen angenehmen Menschen, der entschieden und zugleich unaufgeregt Themen nach vorne bringt. Er hat mich überzeugt. Er wäre eine guter Ministerpräsident für Hessen“. In einer rot-grünen Koalition, übrigens.

Die Oldenburgerin berät die Europäische Kommission, sitzt in hochkarätigen Beiträten und gehört dem Club of Rome an. Ist Hessen nicht tiefste Provinz? Nein, sagt Kemfert, die sich auf eine Herausforderung als „Energiebeauftragte in der Staatskanzlei“ freut. Schäfer-Gümbel will, dass bei ihm im Haus „alle Fäden zusammenlaufen“.

Hessen sieht sie als großen, traditionellen Industriestandort mit „ganz vielen Ressentiments“ gegenüber einer neuen Energie-Zukunft. „Mit alter Denke und vielen Sorgen“, so Kemfert. Dazu die Probleme Verkehr und Flughafen. Hessen hinkt bei der Windenergie „weit hinterher“, die Solarenergie wird kaum eingesetzt und es existieren kaum dezentrale Ansätze. Bei der energetischen Gebäudesanierung hakt’s. „In dem Bereich werden wir die Gelder aufstocken“, kündigt Kemfert an – schon ganz im Stil eines hessischen Regierungsmitglieds.

Wahlkampf macht der Niedersächsin Spaß. Noch schafft sie den Dreiklang aus Oldenburg (Wohnort), Berlin (Arbeit im Deutschen Institut für Wirtschaft, DIW) und Wiesbaden (Wahlkampf). „Es gibt gute Verkehrsanbindungen“, lautet Kemferts Antwort auf die Stressfrage. Viel spricht sie mit Bürgern und Unternehmen in Hessen. „Ich halte keine Wahlkampfreden“, stellt die Wirtschaftsprofessorin klar: „Ich rede über die Energiewende – in Hessen wie in NRW, Berlin oder Oldenburg. Das mache ich seit zwei Jahrzehnten“. Die Bürger jedenfalls reagieren „extrem positiv“, beobachtet Kemfert in den Veranstaltungen: „Sie freuen sich, dass jemand mit Fach-Kompetenz kommt.“

Kritik an Altmaier

Die Fehler der CDU-Landesregierung in Hessen? „Es wurde viel zu lange überhaupt nichts für die Energiewende gemacht. Im Gegenteil. Es wurde den Leuten eingeredet, die Energiewende sei grundfalsch“, kritisiert Kemfert. Die CDU hänge aber auch von einem Regierungspartner FDP ab, „der nur querschießt, jeden Ausbau verhindert, an Uralt-Kraftwerken festhält und sogar ein Moratorium für Erneuerbare Energien fordert“. Kemfert: „Ich schlage manchmal morgens die Zeitung auf und denke: Das darf nicht wahr sein“.

In Hessen warten dicke Bretter. Und in Berlin? Wird die Oldenburgerin auch das künftige Energie-Gesicht der Bundes-SPD? „Das ist nicht geplant“, sagt Kemfert, die aber „schon seit langen Jahren der SPD mit Rat und Tat beiseite steht“ beim Thema Energiekonzept und Strommarkt. Lob zollt sie SPD-Chef Sigmar Gabriel: „Er versteht das Thema gut“. Wert legt die Ökonomin aber darauf, „dass ich die anderen Parteien, wie die Grünen, regelmäßig treffe“.

Kritisch sieht die Expertin Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU). „Ich finde es falsch, dass Altmaier die Energiewende schlecht redet. Er sagt, er sei dafür, aber mit seinen Plänen zur Strompreisbremse bringt er nur Verunsicherung in den Markt. Der Umweltminister offenbart eine gewisse Hilflosigkeit“.

Dabei gebe es Erfolge. Die Industrie profitiere von niedrigen Strompreisen an der Börse und die technologische Entwicklung verlaufe „gigantisch“. Kemfert: „Aber beim Bürger entsteht der Eindruck einer Innovationswüste und dass sich Unternehmen nur auf Subventionen ausruhen. Dabei passiert wahnsinnig viel bei der Energiewende“.

Liebeserklärung

Aller Politik zum Trotz – Oldenburg bleibt Heimat auch in Zukunft. „Hier wohne ich, hier verbringe ich meinen Urlaub“, schwärmt die gebürtige Delmenhorsterin von der Huntestadt. Hier und in Bielefeld hat die Wirtschaftswissenschaftlerin studiert. In Oldenburg startete eine Karriere im atemberaubenden Tempo: mit wissenschaftlichen Stationen in Stanford, Mailand, Stuttgart, St. Petersburg, Moskau und Siena. Nach der Juniorprofessor in Oldenburg (2000-2004) verlegte die Energie- und Verkehrsökonomin den Schwerpunkt nach Berlin. Trotzdem: „Ich liebe Oldenburg“, bekennt Kemfert: „Es ist toll, es ist gemütlich, man kann alles machen. Hier kann ich alles andere vergessen. Für mich ist Oldenburg Erholung pur.“ Neuerdings auch von der Politik.

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