Oldenburg/Wilhelmshaven - Nehmen Studierende nicht an Vorlesungen oder Seminaren an der Hochschule teil, führt dies zu schlechteren Leistungen. Zu diesem Ergebnis kommt Prof. Dr. Rolf Schulmeister von der Universität Hamburg nach der Auswertung von 158 Studien, die sich mit der Beziehung zwischen Abwesenheit und Leistung befassen. Im Zuge der Bologna-Reform war an vielen Hochschulen eine Anwesenheitspflicht eingeführt worden, die mittlerweile – auch aufgrund von Studierendenprotesten – vielerorts wieder abgeschafft worden ist. Nach Schulmeisters Ansicht könnte eine Anwesenheitspflicht gerade schwächeren Studierenden zugute kommen. Welche Position beziehen Oldenburger Hochschulen dazu?
Ausnahme Labor
Weder an der Universität Oldenburg noch an der Jade-Hochschule gibt es eine generelle Anwesenheitspflicht. Wobei diese an der Jade-Hochschule auch direkt nach der Bologna-Reform nicht existierte. Lediglich in einigen Laborübungen und Praktika sowie in bestimmten Seminaren müssen die Studierenden anwesend sein.
Einen Zusammenhang zwischen Anwesenheit in Veranstaltungen und der Leistung sieht auch Prof. Dr. Sabine Kyora, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Gleichstellung an der Uni Oldenburg. „Studierende, die nicht regelmäßig an Seminaren teilnehmen, kennen die aktuellen Forschungspositionen meist weniger gut und sie haben meist auch nicht das Reflexionsniveau, das sie erreichen könnten. In Seminararbeiten kann das durchaus auch einen Notenunterschied bedeuten.“
Ähnliches hat Prof. Dr. Andrea Czepek, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Jade-Hochschule, beobachtet: „Viele Studierende lernen besser, wenn sie einen Vortrag hören und sich mit anderen Studierenden und den Lehrenden austauschen können. Den meisten ist das recht schnell klar, andere brauchen eine Weile, bis sie das für sich erkannt haben – aber auch das ist ein konstruktiver Lernprozess.“
Laut Schulmeister führt bereits ein Anwesenheits-Monitoring ohne Androhung von Sanktionen dazu, dass mehr Studierende an Veranstaltungen teilnehmen. Auf ein solches Monitoring verzichten beide Oldenburger Hochschulen mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit der Studierenden.
Attraktiver Unterricht
Beide Hochschulen setzen darauf, den Unterricht möglichst interessant zu gestalten. „Da an Fachhochschulen in kleineren Gruppen gearbeitet wird, findet ein interaktiver Unterricht statt. Besonders erfolgreich sind didaktische Modelle, wie etwa der „Inverted Classroom“. Dabei werden Seminarinhalte online zur Verfügung gestellt, sodass die Zeit an der Hochschule für Diskussionen und vertiefende Fragen genutzt werden kann“, erklärt Czepek. Dieses Modell komme auch berufstätigen Studierenden oder solchen mit Familienaufgaben zugute.
Als familiengerechte Hochschule ermöglicht die Uni Oldenburg dieser Gruppe, ihr Studium flexibel zu gestalten, etwa durch ein Teilzeit-Studium. „Allerdings muss die Universität den Studierenden klar kommunizieren, dass ein Studium eine eigene Priorität braucht. Nur in den Lücken zwischen Job und Familienpflichten gelingt ein Studium nicht“, ist Kyora überzeugt. „Gemeinsam verabredete Regelungen, zum Beispiel über die aktive Teilnahme an Lehrveranstaltungen, können da sicher helfen.“
Solche Vereinbarungen hätten sich an der Uni Oldenburg bewährt und sollen weiterentwickelt werden. Eine allgemeine Anwesenheitsplicht ist kein Thema. Auch die Jade-Hochschule setzt auf eigenverantwortliches Arbeiten. Darin unterstützt sie die Studierenden mit einem umfangreichen Beratungsangebot. „Eine generelle Anwesenheitspflicht stünde im Widerspruch dazu“, so Czepek.
