BREMEN/OLDENBURG - Trotz geschlossener Fenster sind die Trommeln, Gitarren und das Keyboard bis auf die Straße zu hören. Im Raum ist es heiß, die Scheiben beschlagen. Frauen in bunten Kleidern tanzen zu den Gospel- und Soul-Klängen, Männer in feinen Anzügen klatschen begeistert im Takt. Wenn die afrikanische Gemeinde „Fountain Gate Chapel“ in Bremen Gottesdienst feiert, geht es laut und vor allem fröhlich zu. Eine Etage höher herrscht konzentrierte Stille. Etwa 20 Jugendliche blicken wie gebannt auf eine Leinwand, auf der ein Film läuft. Das Thema ist alles andere als kirchlich: Es geht um Sex und die Gefahr, sich dabei mit HIV zu infizieren.
Deutsch-Togolese berät
„Es gibt viele Krankheiten, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden: Syphilis, Herpes, Gonorrhoe . . .“, zählt Robert Akpabli auf. „Aber die gefährlichste Krankheit ist HIV/Aids, weil es dafür keine Heilung gibt. Deshalb wollen wir heute darüber sprechen, wie man sich dagegen schützen kann.“ Der 46 Jahre alte Deutsch-Togolese arbeitet seit etwa sechs Jahren im Afrika-Projekt des Bremer Gesundheitsamts, das sich gezielt um die Aufklärung dieser Einwanderergruppe kümmert. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Psychologen der Universitäten Oldenburg und Bremen.
Die Projektmitarbeiter geben sich nicht mit dem Verteilen von Flyern und Broschüren zufrieden. Akpabli und seine Mitarbeiter gehen zu den Menschen nach Hause oder ins Asylbewerberheim, besuchen Gottesdienste, Diskotheken, Feste und Afro-Märkte. Dieser breite Ansatz ist bundesweit einzigartig und besonders erfolgversprechend, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung findet. Deshalb zeichnete sie das Projekt 2008 beim Bundeswettbewerb Aidsprävention aus.
Vertrauen gewinnen
Für Akpabli ist es vor allem ein Vollzeit-Job. Bis er mit der Aufklärung überhaupt beginnen kann, muss er das Vertrauen der Menschen gewinnen. „Es ist nicht einfach, mit so einem Thema an die Leute heranzukommen“, erzählt der studierte Biologe. „Über Sex und Aids zu sprechen, ist ein Tabu.“ In der „Fountain Gate Chapel“ kennt man Akpabli schon länger. Er war bereits mehrmals da, um die Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst über die Immunschwächekrankheit zu informieren und Kondome zu verteilen – eigentlich undenkbar in einer streng religiösen Gemeinde wie dieser. „Wir sind eine Familienkirche. Wir sind gegen lose sexuelle Kontakte“, beeilt sich denn auch Pastor Charles Lamptey zu betonen. „Aids ist aber kein Thema, das man unter den Teppich kehren kann, es ist überall.“
Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts lebten Ende 2008 etwa 63 500 Menschen mit HIV oder Aids in Deutschland. Vor allem Einwanderer aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara würden als Risikogruppe gelten, da das Virus in ihrer Heimat weit verbreitet ist. „Für Präventionsprogramme sind sie außerdem oft schwer erreichbar“, erklärt die Psychologin Silke Gräser von der Universität Bremen. „Es gibt unter afrikanischen Migranten nach wie vor große Vorurteile zur Übertragung.“
Fragen über Fragen
Deshalb will sich Akpabli heute vor allem um die Jugendlichen kümmern. „Wenn ihre Eltern dabei sind, trauen sie sich nicht, Fragen zu stellen“, erklärt der Experte. Kaum ist der kurze Film vorbei, schnellen auch schon die ersten Hände nach oben: Wie ist Aids entstanden? Was passiert beim Aids-Test? Kann man mit HIV Kinder bekommen?, Gibt es eine Impfung?, lauten einige der Fragen.
