BREMEN - Schwerhörigkeit gehört zu den häufigsten Schädigungen im Kindesalter. Dennoch ist bisher kaum untersucht, wie Kinder mit einer Innenohrschwerhörigkeit sprechen lernen. Dieser Frage geht die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 350 000 Euro geförderte Studie „Spracherwerb bei schwerhörigen Kindern“ nach. Die Studie ist auf drei Jahre angelegt und wird in Kooperation von der Universität Bremen und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt. Beteiligt sind Erziehungs- und Bildungswissenschaftler, Ärzte für Hör-, Stimm- und Sprachheilkunde, Linguisten sowie ein Hörgeschädigtenpädagoge und Gebärdensprachlinguist.
Ein großes Problem im Hinblick auf die Versorgung von Kindern mit Hörgeräte ist, dass bei vielen dieser Kinder die Hörstörung erst spät, also im zweiten bis vierten Lebensjahr, entdeckt wird. Die ersten Lebensjahre sind für den Spracherwerb jedoch entscheidend. Daher sind für diese Kinder gravierende Konsequenzen für die sprachliche Entwicklung zu erwarten.
Führt eine nicht frühzeitig apparativ versorgte Hörstörung bei Kindern aber tatsächlich zu einer Störung der sprachlichen Entwicklung, zu Defiziten, die nicht mehr aufgeholt werden können? Welchen Einfluss hat der Zeitpunkt der Diagnose, der apparativen Versorgung und der sprachlichen Frühförderung auf den Spracherwerb?
Diese Frage ist von aktueller gesundheitspolitischer Relevanz: Diskutiert wird die Kosten-Nutzen-Bilanz eines flächendeckenden Neugeborenen-Hörscreenings, mit dem man Hörstörungen bereits in den ersten Lebenstagen identifizieren kann. In Modellregionen wie Hamburg und Oldenburg wurden solche Sreenings bereits vor Jahren eingeführt. Hier werden schwerhörige Kinder früh identifiziert, mit Hörgeräten versorgt und sprachlich gefördert, während zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen erst seit Januar 2009 bei allen Neugeborenen ein Hör-Screening als Leistung gesetzlicher Krankenkassen durchgeführt wird. Die DFG-Studie wird bei drei- und vierjährigen Kindern – sowohl mit früher als auch mit später Diagnose – untersuchen, ob die Entwicklung ausgewählter sprachlicher Bereiche, insbesondere der Grammatik, von der Schwerhörigkeit betroffen ist und in welchem Umfang eine frühe Versorgung einen ungestörten Spracherwerb ermöglicht.
