DELMENHORST - Der feierlichen Verabschiedung am Dienstagnachmittag im Gemeindehaus „Zu den Zwölf Aposteln“ sah Frank Schreiber mit gemischten Gefühlen entgegen. „Am liebsten hätte ich gar keine Feier gehabt“, gibt er unumwunden im Gespräch zu. Es passt zu dem Mann, der nicht viel Aufhebens um seine berufliche Leistung machen will.

31 Jahre lang hat Schreiber, der am Dienstag mit 63 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, die von der Diakonie getragene Anlaufstelle für Straffällige in Düsternort geleitet. Als 30-Jähriger hörte er von dem Vorhaben der Diakonie, in Delmenhorst eine solche Anlaufstelle aufzubauen. Das war damals Pionierarbeit, „ein neues Arbeitsfeld, das es vorher nicht gab“. Er bewarb sich, „und irgendwie bin ich dann dabei geblieben“. Dass er sich nach dem in Bremen absolvierten Studium der Sozialwissenschaft mit dem Nebenfach Kriminalsoziologie auf Dauer der Sozialarbeit verschrieb, mag auch seiner Bodenständigkeit geschuldet sein. Schreiber ist in Delmenhorst geboren und lebt in Delmenhorst seit jeher.

Bewegte Zeiten seien das gewesen, damals, Anfang der 80-er Jahre, erzählt der frischgebackene Ruheständler. „Unsere Straffälligen-Wohngruppen haben ihre Räume selbst renoviert, dann haben wir mit dem Möbellager angefangen.“ Aus dem Möbellager habe sich die „Neue Arbeit“ gGmbH entwickelt. Auch der Verein „Brücke“, der sich insbesondere um Jugendliche kümmert, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, habe seine Keimzelle bei der Straffälligen-Anlaufstelle gehabt. An entscheidender Stelle mitgewirkt hat die Anlaufstelle zudem bei der Gründung der Tafel. Es scheint bald so, dass es vieles, was heute zum sozialen Netzwerk der Stadt dazu gehört, ohne Schreibers Wirken niemals gegeben hätte.

Seit 1990 ist die Straffälligen-Anlaufstelle im Haus des ehemaligen Fleischerei-Fachgeschäftes Jüchter an der Düsternortstraße 51 untergebracht. Es gibt zwei Wohnbereiche mit 13 Plätzen, den Freizeitbereich in dem ehemaligen Ladenlokal und die ambulante Beratung, die Schreiber gemeinsam mit seinem Kollegen Axel Zuber wahrnimmt. „Wir sind für viele eine Ersatzfamilie“ sagt er. Viele Leute ließen bei der Anlaufstelle ihr Geld verwalten, kämen mit Behördenschreiben, die sie sich von Schreiber und Zuber „übersetzen“ ließen. „Das sind die Verlierer unserer Leistungsgesellschaft“, sagt Schreiber.

Stolz ist der scheidende Sozialarbeiter auf das von ihm Anfang 2010 entwickelte Projekt „Geldstrafe statt Strafantritt“. Die Anlaufstelle unterstützt straffällig Gewordene, denen eine Haftstrafe droht, weil sie die Geldstrafe nicht aufbringen können, bei der Organisation von verkraftbaren Ratenzahlungen. „Noch nie hat sich in der niedersächsischen Justiz so schnell etwas bewegt“, sagt der 63-Jährige.