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Inklusion Im Nordirak Zukunft steckt in Kinderschuhen

Lea Bernsmann

Oldenburg/Dohuk - Früher ist Aziza einfach losgelaufen. Auf die Straße – dem Ruf der Vögel hinterher. Jetzt geht das nicht mehr. Ihr Fußgelenk ist an einen schweren Stein gekettet.

Aziza ist anders als die Kinder in ihrem Alter. Sie kann nicht lesen und schreiben. Nicht sprechen. Aziza hat noch nie in einem Klassenzimmer gesessen. In ihrem Zuhause gibt es keine Barbiepuppen, keine Teddybären, keine Malbücher. Eigentlich gibt es überhaupt kein Zuhause. Aziza ist Kurdin. Vor zehn Jahren wurde sie im Irak geboren. Einem Land, das keinen Frieden kennt. Und keinen Platz hat, für Kinder wie sie – Kinder mit Behinderung.

„Eine verlorene Generation.“ Unzählige Landesgrenzen entfernt sitzt Kristina Dobers im Institut für Sonderpädagogik der Carl-von-Ossietzky-Universität. In Deutschland wird sie später einmal Kindern wie Aziza Lesen und Schreiben beibringen. Sie werden in eine Klasse gehen mit gesunden Gleichaltrigen. Inklusion heißt das. Ein Fremdwort.

Trauma des Terrors

In Azizas Heimat gibt es keine Sonderschullehrer. Es gibt auch nicht genug Häuser für eine Millionen Menschen, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat in den äußersten Norden des Landes, nach Dohuk, geflüchtet sind. „Da leben zwölfköpfige Familien in einem Zelt zusammen, schlafen auf dünnen Matten. Die Toiletten sind Erdlöcher mit Planen drumherum. Einige haben ihre kompletten Familie verloren. Unfassbar“, sagt Kristina Dobers. Acht Tage hat die 26-Jährige in den Flüchtlingscamps verbracht, hat versucht zu begreifen – und verstanden, was überleben heißt. Da sind die vielen traumatisierten Frauen – vergewaltigt und versklavt –, deren Söhne, Väter und Ehemänner vor ihren Augen von der IS ermordet wurden. Frauen, für die es keine Therapeuten gibt. Die nicht wissen, wohin mit ihrer Trauer. Da ist Azizas Familie – neun Menschen in einem Container. Ein Rollstuhl für drei behinderte Kinder. Ein 63-jährige Vater, der nicht lesen kann. Eine Mutter, 33, komplett überfordert mit sieben Kindern. Die zehnjährige Aziza hat sie irgendwann an einen Stein gekettet, damit sie nicht fortläuft.

Wissenschaftliche und Humanitäre Hilfe im Nordirak

Seit dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juli 2014 sind 2,2 Millionen Menschen im Nordirak auf der Flucht vor Vergewaltigung, Mord und Entführung. Betroffen von der Brutalität der Dschihadisten sind Andersdenkende und Andersgläubige wie Christen, Jesiden und Schiiten. Ein Großteil von ihnen lebt in den Flüchtlingscamps an den Stadtgrenzen, wie in Dohuk.

Nicht nur die Irakkriege haben Opfer gefordert – auch die schlechte medizinische Versorgung hat eine erhöhte Rate behinderter Menschen zur Folge. In Dohuk gibt es nur eine staatliche Förderschule. Unterrichtet werden die Schüler von Psychologen.

Erstmalig wird in Dohuk seit letztem Wintersemester der Studiengang „Spezielle Erziehung und Inklusion“ angeboten. 54 junge Nordiraker werden zu Sonderpädagogen ausgebildet. Ermöglicht wird das durch eine Kooperation mit der Uni Oldenburg und Fördermitteln vom Deutschen Akademischen Austauschdienst.

Freiheit und Freundschaft

Kristina Dobers Worte zeichnen Bilder von einer zerrütten Welt. Aber auch von den Bergen, Schluchten und Wäldern, den Schafherden. Der Freiheit. Dem wilden Kurdistan, wie Karl May es in seinen Büchern beschrieben hat. Der Gastfreundschaft, den vielen Einladungen zum Chaitrinken und dem Mut der Menschen, weiterzumachen – für eine Zukunft zu kämpfen. Eine, in der auch Kinder wie Aziza Platz haben – und zur Schule gehen können: An der Universität von Dohuk lernen seit letztem Wintersemester junge Menschen, wie das funktionieren kann.

Viel Hilfe gefragt

„Bildung ist der Schlüssel“, sagt Kristina Dobers. Auf ihrer Reise hat sie an der nordirakischen Uni Vorträge über ihr Studium in Oldenburg gehalten, von den deutschen Schulen erzählt, in denen Starke und Schwache miteinander lernen – und von dem großen Streit um das sperrige Wort. Inklusion. „Warum wird das bei euch noch diskutiert?“, wollten die Lehramtsstudenten wissen. Die Dozenten haben gefragt: „Wie geht das? Behinderte und Nichtbehinderte in einem Klassenraum?“

Um Antworten bemüht sich Monika Ortmann: Seit 2009 baut die Oldenburger Pädagogikprofessorin den neuen Studiengang in Dohuk auf, trifft Arbeitsgruppen im Krisengebiet, feilt an dem Curriculum – arbeitet an der Basis. „Es gilt erst mal didaktische Grundlagen zu vermitteln“, sagt sie. „Drei Kriege in 30 Jahren – natürlich hinkt die wissenschaftliche Entwicklung Jahrzehnte hinterher.“

Sie guckt aus ihrem Bürofenster der Carl-von-Ossietzky-Universität in den grauen Oldenburger Himmel und seufzt. „Eigentlich hätten wir mit dem Projekt schon viel weiter sein können. Aber dann kam der IS. Damit hat sich die Sicherheitslage auch für uns verschlechtert.“

Ihrer Studentin hat das keine Angst gemacht: Kristina Dobers wollte sehen, worüber ihre Professorin in den Vorlesungen spricht, wollte wissen, was Inklusion in einem Land der Heimatlosen bedeutet.

„Im Irak gibt es keine Krankenversicherung. Die wenigen Förderangebote sind teuer“, sagt Monika Ortmann, redet von verbrannter Erde, die das US-Militär bei seinen Luftangriffen 2003 hinterlassen hat. In den durch Uranwaffen verseuchten Gebieten kämen überdurchschnittlich viele Autisten zur Welt. Sie erzählt von den Minenfeldern, in denen die Kinder spielen. Ein Pulverfass: Die Zahl der Menschen mit Behinderungen im Irak wird zunehmen. „Dieses Land braucht Hilfe. Auf allen Ebenen – Nahrung, medizinische und psychologische Versorgung, ein Zuhause für die Vertriebenen – aber auch eine funktionierende Gesellschaft, in der behinderten Menschen mehr als Bettlerleben auf der Straße bleibt“, sagt Monika Ortmann. „Kinder wie Aziza werden zu Hause versteckt. Man schämt sich für sie.“

Keine Zeit zu verlieren

Wenn Kristina Dobers längst ihre Masterarbeit geschrieben hat und in Deutschland Kinder mit und ohne Behinderung unterrichten wird, werden die ersten Studenten an der Universität in Dohuk ihren Abschluss als Sonderpädagogen machen. Aziza ist dann ein Teenager.

„Vermutlich ist es für sie zu spät“, sagt Monika Ortmann. Sie möchte die Familie der Zehnjährigen nach Deutschland holen. An einen Ort, wo Aziza einfach loslaufen kann. Dem Ruf der Vögel hinterher.

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