Oldenburg - Analysieren, wie die europäischen Gesellschaften zusammenwachsen: Die von der Universität Oldenburg koordinierte Forschergruppe „Europäische Vergesellschaftungsprozesse“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) weitere drei Jahre lang gefördert. Die DFG bewilligte zusätzliche 2,8 Millionen Euro für sieben Teilprojekte. An der vom Oldenburger Soziologen Prof. Dr. Martin Heidenreich koordinierten Forschergruppe sind Wissenschaftler von insgesamt neun Unis beteiligt.

„Die fortgesetzte Förderung der DFG-Forschergruppe unterstreicht, wie wichtig ein tiefes Verständnis der europäischen Gesellschaften ist – und würdigt gleichermaßen die bisherige herausragende Arbeit auf diesem Feld“, erklärt Prof. Dr. H.-Jürgen Appelrath, Vizepräsident für Forschung der Universität Oldenburg.

Im Blickpunkt der Forschergruppe steht die sogenannte horizontale Europäisierung, die die gesellschaftliche Verflechtung und soziokulturelle Angleichungsprozesse über nationale Grenzen der EU-Staaten hinaus beschreibt. Die Teilprojekte untersuchen etwa das Hochschulsystem, die Asylverwaltung, Tarifverträge und verschiedene Dimensionen sozialer Ungleichheit.

„Dabei ist in den vergangenen drei Jahren die Konflikt- und Krisenhaftigkeit von Europäisierungsprozessen stärker ins Zentrum gerückt“, erläutert Heidenreich, Inhaber der Jean Monnet-Professur für Europäische Studien in den Sozialwissenschaften. So setze sich etwa die jahrzehntelang zu beobachtende Angleichung der Lebens- und Einkommensverhältnisse in der EU zumindest in den „alten“ Mitgliedstaaten nicht mehr fort. „Wir beobachten vielmehr eine doppelte Spaltung Europas: zum einen zwischen Zentrum und Peripherie und zum anderen zwischen Bevölkerungsgruppen wie etwa höher und geringer Qualifizierten, Einheimischen und Migranten, Jungen und Älteren, Alleinerziehenden und Kernfamilien.“

In den nächsten Jahren will die DFG-Forschergruppe ermitteln, inwieweit diese „doppelte Dualisierung“ Europas auf dem Arbeitsmarkt, bei den materiellen Lebensbedingungen, der Gesundheitsversorgung oder der wissenschaftlichen Exzellenz auch auf europaweite Politiken und Institutionen zurückzuführen ist. Diese Querschnittsfrage wollen die Wissenschaftler aus Oldenburg, Bamberg, Berlin, Erlangen, Leipzig, Linz, Magdeburg und Siegen im gegenseitigen Austausch vertiefen. „Genau darin liegt der Mehrwert einer thematisch breit aufgestellten Forschergruppe“, betont Heidenreich, der neben der Gesamtkoordination auch das Teilprojekt „Europäisierung sozialer Ungleichheiten“ leitet.