Elsfleth - „Ein Studium ist keine Hexerei. Das kann man auch schaffen, wenn man nicht auf dem Gymnasium war und kein Abitur hat“, stellt Peer Fischer fest. Er selbst hat während seiner Schulzeit nie geglaubt, dass er einmal studieren könnte. Heute steht er kurz vor der Bachelor-Arbeit im Studiengang Internationales Transportmanagement (ITM) an der Jade Hochschule.

Geplant hatte er diese Laufbahn nicht. Nach dem Hauptschulabschluss besuchte er eine Berufsfachschule (Fachrichtung Wirtschaft), erwarb die mittlere Reife und anschließend die Fachhochschulreife. „Ich war einfach noch nicht bereit zu arbeiten. Heute bin ich froh, dass ich keine Bäckerlehre gemacht habe, wie meine Mutter wollte. Ich hätte zwar ein solides Handwerk gelernt, wäre dann später aber wahrscheinlich auch Hilfsarbeiter oder arbeitslos geworden – wie viele meiner damaligen Mitschüler, schade eigentlich“, sagt Fischer.

Seine Eltern konnten ihn nicht großartig unterstützen. „Sie waren froh, dass ich nicht auf der Straße saß“, erinnert sich der 27-Jährige. Nach dem Grundwehrdienst absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann. In dieser Zeit unterhielt er sich mit dem Bruder eines Freundes, der sein Nautik-Studium in Elsfleth abgeschlossen hatte. „Der meinte, ich sollte doch auch noch studieren. ,So’n Quatsch, für sowas bin ich nicht gemacht’, war mein erster Gedanke“, so Fischer.

Über den jungen Nautiker lernte er einen ITM-Studierenden kennen, der von Auslandssemestern erzählte. „Ausland?! Ich bin im Hochhaus aufgewachsen. Vielleicht gab’s mal zwei bis drei Wochen Urlaub in Eckernförde, aber für eine Reise ins Ausland war früher kein Geld da“, dachte Fischer damals. Erst als er hörte, dass der Student ähnliche Schulleistungen und auch kein Abitur hatte, kam er ins Grübeln. „Da habe ich mir einen Plan gemacht: Erst die Ausbildung abschließen, dann ein Jahr arbeiten und in dieser Zeit für einen Studienplatz bewerben.“

Der Plan ging auf. In Elsfleth beginnt er mit 40 anderen das Studium. „Die waren alle voll ruhig. Das kannte ich gar nicht. Sonst gab es immer einen Rowdy in der Klasse, der geärgert hat. Als Jüngster in der Klasse war man ein leichtes Ziel“, erzählt Fischer. Als er mit 15 Jahren seinen Hauptschulabschluss gemacht hat, waren viele seiner Mitschüler 17 oder 18 Jahre alt.

Probleme mit dem Lernstoff hatte er nicht. „Einen großen Teil hatte ich schon in der Berufsfachschule und später in der Ausbildung gelernt“, erklärt Fischer. „Ich kann nur zu einem Studium raten. Man hat beruflich ganz andere Möglichkeiten – und kriegt neuen Input.“

Viele seiner Freunde sind Handwerker. „Die malochen jeden Tag und haben überhaupt keinen Bock mehr, würden am liebsten was ganz anderes machen. Aber sie wollen auch nicht auf teuren Urlaub und ihr Auto verzichten. Das ist doch das größte Problem, dass sie nicht für zwei, drei Jahre auf ihren Luxus verzichten wollen“, meint Fischer. Er empfindet dagegen die viele freie Zeit, die er hat, als Luxus.

Auch in der Finanzierung des Studiums sieht er kein Problem. „Ich habe immer gearbeitet, seit der Hauptschule. Neben dem Studium kann man problemlos zehn bis zwanzig Stunden arbeiten.“

Außerdem engagiert sich der 27-Jährige als Jade-Lotse. Das heißt, er informiert Studieninteressierte über das Leben an der Hochschule und die Studiengänge. Wichtig ist ihm dabei, Menschen, aus deren Familie noch keiner studiert hat, klarzumachen, dass auch sie ein Studium schaffen können.

Eine Ausbildung, ein Meisterbrief, Berufserfahrung und einiges mehr berechtigen in Niedersachsen zum Studium an einer Hochschule.

Persönliche Beratung bieten die Zentralen Studienberatungen (ZSB) der Hochschulen, wie etwa der Universität Oldenburg, Telefon: 0441/ 798 2728, und der Jade Hochschule, Tel: 04421/985 2378.