GRONINGEN - Es sind nur wenige Schritte von der Martinikirche mit dem alles überragenden Turm im Zentrum der Groninger Innenstadt. Dann steht man vor dem altehrwürdig wirkenden Bauwerk. Es könnte ein Rathaus sein, ein Gerichtsgebäude, vielleicht auch eine Art Stadtschloss. Doch die jungen Leute, die auf den Eingangsstufen Pause machen, und die unzähligen Fahrräder auf dem Vorplatz verraten es: Dies ist das Akademie-Gebäude, das Herz der Rijksuniversiteit Groningen (RUG).
Ehemaliges Kloster
„Es ist schon das dritte Gebäude, das hier steht“, erklärt RUG-Mitarbeiterin Jodien Houwers. Sie zeigt auf ein großes Fenster mit Glasmalerei, auf dem die Geschichte der Universität dargestellt ist. 1614 wurde die RUG in einem ehemaligen Kloster gegründet. Nach dem Abriss 1846 baute man ein neues Gebäude, das 1906 abbrannte. Danach entstand das heutige Akademie-Gebäude im Stile historischer Architektur.
„Übrigens“, bemerkt Houwers, „der Gründer der Universität, Ubbo Emmius, kam aus Emden.“ Diese Fakten kennt sie natürlich, doch eigentlich gehört das Erzählen der Geschichte nicht zu ihren Jobprofil. Jodien Houwers ist „Policy advisor International Cooperation“ Ihren Aufgabenbereich in einem Satz zu erklären, fällt nicht einmal ihr selbst leicht. Sie spricht von europäischen Strategien und Projekten, aber auch von den internationalen Studenten in Groningen. Bei ihrer Arbeit geht es auf jeden Fall sehr viel um Vernetzung.
Dass Houwers in diesem Bereich viel zu tun hat, zeigt allein schon ein Blick nach Oldenburg. Wer hier an der Universität nach Kooperationen mit den Nachbarn in den Niederlanden fragt, bekommt eine lange Liste zugeschickt – von Meeresforschung über Hörforschung bis hin zum Jura-Studiengang an der Hanse Law School.
Und diese Liste soll um die „European Medical School“, also einen gemeinsamen Medizinstudiengang, erweitert werden. Momentan hängt dieser Plan im Wissenschaftsrat in Deutschland fest. In Groningen können sie die Entscheidung kaum erwarten. „Hier waren alle von der Idee begeistert“, erzählt Houwers. „Wir hoffen sehr, dass das klappt.“
Um zu zeigen, was die künftigen gemeinsamen Medizinstudenten auf ihrer Seite der Grenze erwartet, schwingt sich Houwers aufs Fahrrad. Noch viel mehr als Oldenburg, ist Groningen eine Stadt der Zweiräder. Gerade in den schmalen Einbahnstraßen der Innenstadt sind beim Überqueren Blicke nach links und rechts angebracht, weil permanent Radler vorbeisausen.
Vom Akademie-Gebäude führt der Weg heraus aus dem historischen Stadtkern. Immer wieder zeigt Houwers dabei auf Gebäude mit typisch niederländischer Architektur. Kleine Schilder neben der Eingangstür verweisen auf die Verbindung zur Universität. Es sind die einzelnen Fakultäten, die hier ihre jeweiligen Räume haben. „Wir haben keinen zentralen Campus“, erklärt Houwers. Die Fakultäten seien überall verteilt, auch ein wenig außerhalb der Innenstadt gebe es Wissenschaftszentren.
Nach wenigen Fahrrad-Minuten erblickt man die medizinische Fakultät. Hier hat sich in den vergangenen Jahren ein Architekt richtig ausgetobt: Direkt neben einem Restteil des historischen Gebäudes sticht der futuristische Neubau für die Seminarräume mit seiner goldenen Außenhaut ins Auge.
Der Neubau ist der Blickfang, dahinter erstreckt sich ein kompliziertes Netz miteinander verbundener Gebäude aus verschiedenen Jahrzehnten. Selbst Jodien Houwers muss hin und wieder überlegen, welche Abzweigung zum Ziel führt. Über einen Bau, der ,Die Brücke heißt, erreicht man dann von der Medizinischen Fakultät aus bequem das angeschlossene Krankenhaus.
Freundliche Atmosphäre
Auch hier begegnet einem Ungewohntes: Hohe und helle Hallen, viele Pflanzen und Kunstwerke, viel Glas, eine sehr freundliche Atmosphäre. Würden einem nicht hin und wieder Menschen mit weißen Kitteln begegnen, man könnte das „Universitair Medisch Centrum Groningen“ für einen Flughafen-Terminal oder ein Hotel halten. „Man fühlt sich wohl hier. Auf dieses Ambiente wurde großen Wert gelegt“, sagt Houwers. Medizinstudenten aus Oldenburg würde dieser Ort ganz sicher gefallen.
