Oldenburg - Flüchtlinge und Hochschulen – passt das zusammen? Die deutsche Wirtschaft braucht dringend Fachkräfte. Seit Monaten kommen vermehrt Flüchtlinge ins Land – darunter auch Menschen mit Hochschulabschluss oder -zugangsberechtigung. Stehen sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung?
Das seit 2012 geltende Anerkennungsgesetz habe die Situation für Ausbildungsberufe verbessert, sagt Andrea Hertlein, Studiengangskoordinatorin am Center for Migration, Education and Cultural Studies (CMC) der Uni Oldenburg. „Von den Hochschulabsolventen stellen aber nur sehr wenige einen Antrag auf Anerkennung des Abschlusses. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass manche Flüchtlinge nicht wissen, dass sie einen Antrag stellen können. Außerdem kostet dieser Geld und einige Studienabschlüsse, wie zum Beispiel von Lehrern, werden generell nicht anerkannt“, so Hertlein. „Diese Menschen werden dann in Berufsfelder für ungelernte Kräfte vermittelt.“
Info-Flyer in Produktion
Aufklärungsarbeit ist folglich angesagt. Im International Office der Jade Hochschule wird derzeit an einem Flyer gearbeitet, der Flüchtlinge über Studienmöglichkeiten an der Hochschule informiert. „Ideal wäre es, wenn bereits in den Aufnahmeeinrichtungen nachgefragt würde, wer ein Studium anstrebt. So könnten potenzielle Studierende gezielt einen Wohnort an einem Hochschulstandort bekommen, damit eine eventuelle Wohnsitzauflage einem Studium nicht im Wege steht“, regt Andrea Menn, Leiterin des International Office der Jade Hochschule, an.
Bisher sei geplant, dass Mitarbeiter der Arbeitsagentur in Aufnahmeeinrichtungen auf Flüchtlinge zugehen, um diese schneller an den Arbeitsmarkt heranzuführen. „Mit diesen Mitarbeitern wollen wir Kontakt aufnehmen“, sagt Menn.
Der Auf- und Ausbau eines Netzwerks von Leuten, die mit Flüchtlingen und Asylbewerbern zu tun haben, steht ganz oben auf der Agenda ihrer Mitarbeiter. Diese Vernetzung wird auch im International Student Office der Uni Oldenburg vorangetrieben. „Schließlich ist es sehr wichtig, dass wir die nächsten Ansprechpartner für die Flüchtlinge kennen und sie nicht von A nach B schicken“, erklärt dessen Leiterin Jenka Schmidt. Denn bei Flüchtlingen sind viele zusätzliche rechtliche Fragen zu klären, etwa nach dem Aufenthaltsstatus, der Finanzierung, manchmal sogar der Identität, wenn nicht alle Papiere vorhanden sind.
Nicht zu vergessen das Sprachproblem: „Wir werden ab Ende Juli einen Deutsch-Intensivkurs für angehende Studierende anbieten“, so Menn. „Denn Menschen, die schon eine Fremdsprache sprechen, können eine zweite viel schneller lernen.“
Wie schnell das gehen kann, hat Andrea Hertlein erfahren. Sie betreut den weiterbildenden Bachelor-Studiengang „Interkulturelle Bildung und Beratung“ für Migranten mit einem Hochschulabschluss aus dem (sozial-) pädagogischen Bereich: „Eine Teilnehmerin hat in einem Jahr so gut Deutsch gelernt, dass sie studieren konnte.“
Studiengang überarbeitet
Für den Studiengang gibt es immer mehr Bewerber als Plätze. Die Studierenden kommen auch aus Bremen, Hannover, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – und dass, obwohl der größte Teil nebenher arbeiten und eine Familie ernähren muss. „Um besser auf die Bedürfnisse der Studierenden eingehen zu können, haben wir den Studiengang überarbeitet. Er wird höchstwahrscheinlich unter dem Namen „Sozialpädagogik in der Migrationsgesellschaft“ zum Wintersemester 2016/17 starten“, sagt Hertlein.
„Wir sollten nicht nur sehen, dass solche Programme nützlich für die Wirtschaft sind, sondern dürfen auch den signifikanten Mehrwert für die Studierenden und ihr Umfeld nicht vergessen. Sie erfahren dadurch Wertschätzung“, betont Hertlein und zitiert eine Teilnehmerin: „Das Studium hat mich aus der Mülltonne gezogen und mir wieder ein Gesicht gegeben.“
Die Integration von Asylbewerbern soll an der Uni Oldenburg mit dem Programm „Refugees Welcome in Sports“ gefördert werden. Acht Studierende bieten Ballsport und Fitness für Flüchtlinge an.
Für Flüchtlinge mit Hochschulabschluss bietet die Universität Oldenburg den Weiterbildenden Studiengang „Interkulturelle Bildung und Beratung“ sowie das Kontaktstudium „Pädagogische Kompetenz in Bildung, Beratung und Sozialarbeit“ an.
IN-Touch heißt ein Projekt der Uni Bremen. Sie lädt Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund ein, als Gäste Vorlesungen und Seminare zu besuchen.
