Der Uni-Präsident und der IHK-Hauptgeschäftsführer sind sich einig: Die regionalen Akteure müssen selbst gestalten.
Von Thomas Hellmold
Frage:
Herr Schneidewind, Herr Peters, noch in diesem Jahr sollen in Niedersachsen rund 1600 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden, davon etwa 600 im Nordwesten. Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht . . .Schneidewind:
Man muss wirklich anerkennen, dass Niedersachsen in den Hochschulpakt voll eingestiegen ist. Allerdings sind für die kommenden Jahre das Potenzial und die Akzentsetzungen bei weitem noch nicht ausgereizt.Peters:
Es ist zunächst ungewohnt, über den Einsatz zusätzlicher Finanzmittel im wissenschaftlichen Bereich nachzudenken. Aus unserer Sicht ist das eine positive Herausforderung. Im Kern gilt: Die Mittel müssen so eingesetzt werden, dass hiervon auch Impulse auf die regionale Wirtschaft ausgehen.Frage:
Es gibt ja nicht nur einhelliges Lob. Die Landeshochschulkonferenz zum Beispiel hat kritisiert, dass rund 500 der „neuen“ Studienplätze bereits existieren, allerdings nicht besetzt sind. Wo sind die Schwachpunkte?Schneidewind:Ein Großteil
der Plätze wird dadurch erbracht, dass die Betreuungsverhältnisse für die Studierenden sich verschlechtern. An den Fachhochschulen wird der Betreuungswert hochgesetzt, das heißt, es müssen mit demselben Personal mehr Studierende aufgenommen werden. An den Universitäten müssen die wissenschaftlichen Mitarbeiter jeweils zwei Semesterwochenstunden mehr Lehre erbringen.Peters:
Ein Schwachpunkt ist, dass der bereits heute in einigen Bereichen offenkundige Fachkräftemangel – etwa bei Natur- und Ingenieurwissenschaften – bestenfalls teilweise und zu spät behoben wird. Hier liegen die Ursachen tiefer. Ein anderes Manko sehe ich darin, dass die sehr detaillierte Verteilung der Studienplätze auf die einzelnen Hochschulen und Fächer noch keine Orientierung am spezifischen Bedarf der regionalen Wirtschaft erkennen lässt. Hierzu hatten wir bereits vor einigen Jahren mit dem Weißbuch „Spitzen aus Nordwest“ grundlegende, noch immer richtungweisende Hinweise gegeben.Schneidewind:
Man muss sehen, dass der Hochschulpakt die Studentenzahlen aus dem Wintersemester 2005/06 zur Grundlage für die Zuweisungen nimmt, das heißt: Universitäten wie Oldenburg, die zu diesem Zeitpunkt schon komplett umgestellt hatten, haben als Referenzgröße die niedrigeren Zahlen und müssen diese Kompensation nicht erbringen.Frage:
Ein Ziel des Paktes ist ja, dass die Studienangebote die Absolventen besser auf den Arbeitsmarkt einstellen sollen. Halten Sie dieses Ziel für erreichbar?Peters:
Grundlage für die Ausweitung der Studienkapazitäten ist nach meinem Verständnis erstens die Erkenntnis, dass der demografische Wandel diese Aufstockung zwingend erforderlich macht. Zum anderen hat Deutschland im internationalen Vergleich eine relative niedrige Akademikerquote, es besteht also Nachholbedarf. Drittens arbeitet die Wirtschaft daran, dass die Durchlässigkeit zwischen der beruflichen Weiterbildung und der akademischen Ausbildung größer wird. Wenn man den Handlungsdruck, der sich aus diesen drei Punkten ableitet, marktorientiert und am Qualifkationsbedarf der Wirtschaft entlang umsetzt, sollte dieses Ziel zu erreichen sein.Schneidewind:Ich will es mal so ausdrücken: Die Richtung stimmt, aber das Potenzial ist
bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Das jetzt festgelegte Verteilungsmodell geht mir zu sehr nach dem Gießkannenprinzip. Da ist für jede Hochschule sehr kleinteilig geplant worden. In Oldenburg bekommen wir 10 neue Plätze in der Physik, 10 in der Informatik, 20 für die Wirtschaftswissenschaften und 10 in der Sonderpädagogik – also überall ein bisschen und nirgendwo richtig. Wir hätten viel mehr Potenzial, wenn sich die Hochschulen im Nordwesten mit den regionalen Akteuren – also auch mit der Wirtschaft – zusammensetzen und selber festlegen würden, welche Schwerpunkte die besten für die Region sind. Dann schaffen wir in dem einen Fach vielleicht 30 Plätze weniger in Oldenburg und klotzen dafür richtig in Emden, denn so kann man Impulse geben. Für die erste Runde muss man akzeptieren, dass die Platzverteilung noch etwas technokratisch gelaufen ist. In der nächsten Rundereklamieren wir sehr viel mehr Freiräume für die autonome Gestaltung. Baden-Württemberg hat vorgemacht, wie so etwas aussehen kann.
