FRAGE:
Frau Al-Shamery, Sie engagieren sich sehr für Nachwuchswissenschaftlerinnen, zum Beispiel als Initiatorin der „Hexenküche“ und als Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Chancengleichheit der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Warum?AL-SHAMERY
: Weil es in meinem Bereich, der Chemie, immer noch sehr wenig Professorinnen gibt; ihr Anteil liegt bei etwa zehn Prozent. Und das ist nicht nur in Deutschland so. Ich habe Kontakt zu erfolgreichen Wissenschaftlerinnen auf der ganzen Welt und diese bestätigen mir, dass der Tenor überall ähnlich ist: Ein männlicher Anwärter auf eine Professur wird als ,Stern von morgen’ bezeichnet, bei einer genauso qualifizierten Frau heißt es oft ,Sie ist noch nicht so weit’ oder ,Ihr Schwerpunkt passt nicht ins Forschungsprofil der Uni’.FRAGE:
Warum werden Männer bevorzugt?AL-SHAMERY
: Frauen sind meist Einzelkämpferinnen. Sie denken, dass sie eine Stelle bekommen, weil sie so gut sind. Männer hingegen sind von Anfang an besser vernetzt. Ein Beispiel für die Folgen dessen sind die Max-Planck-Institute. 2002 wurde erstmals eine Frau Direktorin eines Instituts, heute sind es ein paar mehr – bei weit mehr als hundert Instituten. Ein Grund dafür ist, dass die Direktoren für die Besetzung freier Direktorenstellen zuständig sind. Männliche Bewerber sind einfach präsenter, weil man sich aus Netzwerken kennt.FRAGE:
Was kann eine Tagung wie die „Hexenküche der Materialwissenschaften“, die alljährlich in der Walpurgisnacht im Harz stattfindet, da bewirken?AL-SHAMERY
: Sie hilft, Netzwerke zu bilden. Ich lade zu dieser Tagung immer erfolgreiche Referentinnen ein, die auch durch ihre Lebensläufe zeigen, wie Frauen in der Wissenschaft Karriere machen können. Außerdem können junge Wissenschaftler, hier sind auch Männer willkommen, Poster mit ihren Forschungsergebnissen präsentieren. Die „Hexenküche“ bietet Nachwuchswissenschaftlerinnen die Möglichkeit, sich in einem familiären Umfeld, in dem sie einmal nicht die Exotinnen sind, auszutauschen.FRAGE:
Wie haben Sie es geschafft, Karriere zu machen?AL-SHAMERY
: Für mich war das nie eine Frage. Erst als ich schon Professorin war, kam mir der Gedanke, dass ich auch etwas anderes hätte machen können. Meine Tochter wurde zehn Tage nach meinem Habilitationsvortrag geboren. Meinen Sohn habe ich als Baby in Oldenburg immer mit in die Uni genommen. Die Kollegen und Studierenden waren da sehr tolerant. Ich denke, dass es geht, wenn man weiß, dass man selbst am meisten zurückstecken muss. Für Hobbys bleibt mit Kindern wenig Zeit. Aber dafür hat man auch einen spannenden Beruf. Wichtig ist, dass jeder seine individuelle Lösung finden muss.FRAGE:
Welche Faktoren halten Frauen von einer Wissenschaftskarriere ab?AL-SHAMERY
: Man weiß erst relativ spät, ob man es geschafft hat. Ich denke, das schreckt einige ab. Andererseits kann man in der Industrie auch mit 50 Jahren auf der Straße stehen, wenn man bei der falschen Firma war. Außerdem fragen sich viele, ob die Arbeit in der Wissenschaft mit ihrer Familienplanung vereinbar ist.FRAGE:
Gibt es denn auch positive Entwicklungen?AL-SHAMERY
: Durchaus. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat etwa „Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards“ eingesetzt, die die Umsetzung von Gleichstellung an den Unis bewerten. Dabei spielt es etwa eine Rolle, ob gezielt Professorinnen berufen werden, ob es Mentoring-Projekte gibt und wie Berufungskommissionen zusammengesetzt sind. Danach werden Hochschulen und Forschungsinstitute in vier Kategorien eingeteilt. Die Uni Oldenburg ist in der vierten, der besten Kategorie platziert. Wenn eine Hochschule in dieser Richtung zu wenig tut, ist das ein Grund, Förderungen nicht zu verlängern.Außerdem nehmen mehr Männer Elternzeit, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Wenn sich unsere Gesellschaft weiter in diese Richtung entwickelt, kommen wir einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis auf der Führungsebene näher.
