„Welche Fähigkeiten brauchen wir, um unser Aussterben zu verhindern?“ Das war eine Frage bei den 7. Spiekerooger Klimagesprächen. Welche Antworten haben die Teilnehmer gefunden?

PfriemVor allem das, was uns betrifft, selbst in die Hand zu nehmen, zum Beispiel bei der Energieversorgung. Es genügt nicht, dass wir unsere Stromrechnung bezahlen. Fast 1000 Bürgerenergiegenossenschaften in Deutschland zeigen den richtigen Weg: praktisches Engagement dafür, wie wir Energie sparen und wie wir erneuerbare Energien fördern können. Ein anderer wichtiger Bereich ist die Ernährung. Regionalität, ökologische Qualität und fairer Handel müssen hier eine ganz andere Rolle spielen.

Werden wir es schaffen, diese Fähigkeiten ausreichend stark zu entwickeln? Auch das eine Frage, die bei den Klimagesprächen erörtert wurde.

PfriemDas ist tatsächlich eine offene Frage. Aber es gibt immer mehr positive Beispiele, neben den Bürgerenergiegenossenschaften, etwa Ur-bane Gartenbau-Initiativen, deren Mitglieder in Städten ihr eigenes Gemüse anpflanzen oder die Solidarische Landwirtschaft, bei der Bürgerinnen und Bürger Landwirte finanziell unterstützen und dafür einen Teil des Ertrags erhalten.

Welche Funktion übernehmen die Spiekerooger Klimagespräche in diesem Zusammenhang?

PfriemDurch intensive Gruppenarbeit – es werden keine Vorträge wie auf üblichen Tagungen gehalten – entwickeln sich immer konkrete Handlungsempfehlungen, aber auch Ideen für neue Projekte und praktische Zusammenarbeit. Auf Einladung der wissenschaftlichen Leitung treffen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen mit Menschen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Die Natur war diesmal das zentrale Thema. Worum ging es konkret?

PfriemUnsere Natur ist weitgehend zivilisiert. Trotzdem brauchen vor allem Kinder sie als Erfahrungsraum. Als ich Kind war, hat meine Mutter mich rausgeschickt und gesagt, komm um sieben Uhr wieder. Das geht heute aufgrund der Verstädterung oft nicht mehr oder weil der Terminkalender der Kinder zu voll ist. Angefangen bei der Schule dürfen Bildung und Erziehung nicht länger dermaßen verkopft ablaufen, Hand und Herz sind genauso wichtig. Es sollte viel mehr Raum für praktisches Arbeiten geben. Und für Erwachsene machen gerade etwa Solidarische Landwirtschaft oder Energiegenossenschaften neue Naturerfahrungen möglich.

Wie können solche Entwicklungen gestärkt werden?

PfriemWir müssen weg vom technikzentrierten Machbarkeitswahn, der uns inzwischen ökologisch, sozial und gerade auch ökonomisch in die Sackgasse geführt hat. Zukunftsfähige Politik entwickelt sich wesentlich dadurch, dass Menschen ihre Dinge wieder selber in die Hand nehmen und damit andere Wirtschafts- und Unternehmensformen auf den Weg bringen. Gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften setzt neue Gestaltungskräfte frei. Ein Beispiel sind Ernährungsräte, wie in Oldenburg gerade einer entsteht. Darin befassen sich Bürgerinnen und Bürger aus ganz unterschiedlichen Bereichen idealerweise zusammen mit Vertretern der Verwaltung damit, wie die Ernährungsqualität vor Ort gesichert und verbessert werden kann.

Seit 2009 treffen sich jedes Jahr Vertreter der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften sowie von Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Organisationen auf Spiekeroog. Prof. Dr. Reinhard Pfriem von der Universität Oldenburg ist einer der wissenschaftlichen Leiter.