OLDENBURG/HANNOVER - Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind derzeit im wahrsten Sinne „in aller Munde“, nicht zuletzt nach dem Anbauverbot für gentechnisch veränderten Mais der Sorte Mon 810 durch Bundes-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Doch was steckt hinter dem Begriff „gentechnisch verändert“? Wem dient das Verbot, wer profitiert vom Anbau?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Projekt „HannoverGen“, in dem die Universitäten Oldenburg und Hannover zusammen mit Lehrern Unterrichtskonzepte und -materialien für die Schule zum Thema „grüne Gentechnik“ entwickeln. Dabei geht es aber nicht nur um die Vermittlung naturwissenschaftlicher Grundlagen. „Forschung und Ethik sind eng miteinander verknüpft, das soll den Schülern bewusst werden“, sagt Professorin Dr. Corinna Hößle, Biologie-Didaktikerin an der Universität Oldenburg und bei HannoverGEN zuständig für das Teilprojekt „Ethische Bewertungskompetenz“.

Selbstständig bewerten

Ziel von HannoverGen: Die Lernenden sollen nach der Unterrichtseinheit zur grünen Gentechnik selbstständig Bewertungen zu diesem ambivalent diskutierten Themenbereich vornehmen können. Dabei geht es den Initiatoren nicht darum, den Schülern eine bestimmte Sichtweise vorzugeben. „Wir wollen die Fähigkeit fördern, sich mit bioethischen Fragen reflektiert auseinander zu setzen und ein eigenes verantwortungsvolles Urteil fällen zu können“, so Corinna Hößle.

Die Gymnasien Wilhelm Raabe Schule und Helene Lange Schule in Hannover sowie die IGS Garbsen und das Erich Kästner Gymnasium in Laatzen wurden mit den Geldern des Projekts, das vom Land Niedersachsen und dem Zukunfts- und Innovationsfonds finanziert wird, zu Stützpunktschulen ausgebaut, die jeweils mehrere Partnerschulen haben.

Lehrreiche Labortage

In den Stützpunktschulen wurden moderne Biologielabore eingerichtet, die auf dem neuesten Stand sind. An einem sechs- bis achtstündigen Labortag pro Woche werden die Schüler von einer Wissenschaftlerin des Instituts für Pflanzengenetik an der Leibniz Universität Hannover in die naturwissenschaftlich anspruchsvolle Arbeitsweise eingeführt, um dann mit ihr und ihren Lehrkräften zu experimentieren.

Danach lernen die Schüler mit den hiefür entwickelten Materialien, eine ethische Bewertung vorzunehmen. In Planspielen werden etwa Fragen wie „Sollen genmanipulierte Nahrungsmittel in der Mensa angeboten werden?“ diskutiert. Für und Wider werden abgewogen und oftmals kommt es zu einem Konsens. „Das ist aber nicht zwingend notwendig. Der Weg ist hier das Ziel“, sagt Corinna Hößle.

Um zu überprüfen, ob die entwickelten Konzepte greifen, wird vor und nach der Unterrichtseinheit das Urteilsvermögen der Schüler per Fragebogen untersucht. „Die Ergebnisse sind bisher allesamt positiv, der Fokus der Teilnehmer hat sich nach dem Unterricht deutlich erweitert“, sagt Neele Alfs, die an der Uni Oldenburg bei Corinna Hößle ihre Doktorarbeit zu dem Projekt schreibt. „Zum Beispiel ziehen die Schüler mehr Personenkreise in ihre Beurteilung ein, als noch vor dem Unterricht zur Gentechnik .“

Das Projekt ist bisher auf Hannover und seine nähere Umgebung sowie auf einen Zeitraum von drei Jahren beschränkt. Hößle wünscht sich aber, dass HannoverGen länger besteht: „Die Gentechnik ist allgegenwärtig, die Schüler müssen ein Gespür dafür entwickeln.“ Außerdem würde sich die renommierte Bioethikerin darüber freuen, „wenn auch in Oldenburg Stützpunktschulen eingerichtet würden.“ In der Huntestadt seien die Bedingungen durch die enge Kooperation der Uni mit den Schulen optimal.

Lehrer bilden Lehrer aus

Langfristig soll das Projekt ohne die Universitäten weiterlaufen können. Die erste Lehrergeneration des Projekts soll im nächsten Schritt neue Lehrer ausbilden. „Wir versuchen ein Multiplikatorensystem aufzubauen, so dass nach und nach immer mehr Lehrende konkreten Einblick in die Unterrichtseinheiten erhalten und damit immer mehr Schüler erreicht werden“, blickt Hößle voraus.