Oldenburg - „Fünf Stunden pro Tag mit dem Auto unterwegs zu sein, um zu den Kunden zu kommen, ist keine Seltenheit. Dann habe ich aber noch nichts von meiner eigentlichen Arbeit erledigt.“ So schildert ein Betroffener in einem Gespräch mit Dr. Gerlinde Vogl im Rahmen des Verbundprojekts „Präventionsorientierte Gestaltung mobiler Arbeit“ (prentimo) seinen Arbeitsalltag. „Damit hat er ein weit verbreitetes Problem mobiler Arbeit angesprochen: der Druck durch einen Zeitkonflikt zwischen – aus Sicht des Arbeitgebers – produktiven und unproduktiven Zeiten, der sich oft noch dadurch verschärft, dass nicht alle Reisezeiten als Arbeitszeiten berücksichtigten werden“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Oldenburg.
Wie dieser und weitere kritische Aspekte verbessert werden können, haben sie und ihre Kollegen in dem dreijährigen Projekt prentimo erarbeitet, das von Dr. Thomas Breisig, Professor für Wirtschaftslehre an der Uni Oldenburg, geleitet wurde. Dazu haben die Wissenschaftler mit Beschäftigten und Unternehmensleitungen gesprochen, Servicemitarbeiter bei ihrer Arbeit begleitet und Workshops durchgeführt, in denen Beschäftigte ihre Tätigkeit reflektieren sollten.
„Denn bei mobiler Arbeit können Verbesserungen nur mit den Beschäftigten erreicht werden“, erklärt Vogl. „Zum einen muss die doppelte Belastung durch Reisen und Arbeit berücksichtigt werden. Zum anderen kann das Unternehmen den Gesundheitsschutz aber nicht allein gewährleisten. Sind Beschäftige unterwegs, sind sie beispielsweise selbst dafür verantwortlich, Pausen zu machen und sich ausreichend zu bewegen.“ Allerdings können Unternehmen dies unterstützen, so die Arbeitssoziologin. So könnte zum Beispiel darauf geachtet werden, dass die Hotels über gute Schreibtische und Fitnessräume verfügen.
Entscheidend aber ist die Menge der Arbeit. „Unternehmen müssen unter Einbeziehung der Reisebelastung kritisch prüfen, ob ihre Beschäftigten die Arbeit mit den vorhandenen Ressourcen erledigen können“, merkt Vogl an.
Wenn Kundenberater unterwegs im Hotel übernachten, um Reisezeit zu verkürzen, bleibt Arbeit am Schreibtisch liegen. Sind Beschäftigte vier Nächte pro Woche nicht zu Hause, wird es schwierig, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. „Sitzen sie nach Feierabend allein im Hotel, arbeiten viele weiter, weil sie die freie Zeit am falschen Ort haben“, berichtet die Wissenschaftlerin.
Mobilität bringe also durchaus Probleme mit sich, auch wenn der Begriff in unserer Gesellschaft positiv besetzt ist. „Mobil zu sein, ist eine Anforderung geworden. Früher war es oft eine Anerkennung, heute ist es eine Selbstverständlichkeit“, stellt Vogl fest.
Unternehmen sollten sich des Themas Mobilität ernsthaft annehmen und zusammen mit ihren Beschäftigten für den jeweiligen Betrieb passende Konzepte zum Arbeits- und Gesundheitsschutz aufstellen. Dabei sei es beispielsweise Aufgabe der Unternehmen sich darum zu kümmern, dass auch Mütter mobil bleiben können. „Bisher versuchen Frauen aus der mobilen Arbeit herauszukommen, sobald sie Kinder haben. Bei den Vätern ändert sich dagegen nichts an der Mobilität“, berichtet Vogl.
„Auch sollte klar sein, unter welchen Bedingungen Beschäftigte im Home Office arbeiten dürfen. Zudem sollten Arbeitgeber prüfen, ob ihre Mitarbeiter die gestellten Aufgaben auch erledigen können, wenn sie ausreichend Pausen machen, also ohne permanent Arbeitszeitgrenzen zu reißen – wie das leider häufig üblich ist.“
Hilfestellung beim Ausarbeiten von Konzepten zum mobilen Arbeiten bieten die Wissenschaftler auf der Homepage des Projekts prentimo, zum Beispiel mit einem Fragebogen zur Erfassung psychischer Belastungen mobiler Arbeit oder einer Praxisbroschüre (ab Dezember).
Am 4. Dezember startet in der Reihe Zukunftsdiskurse das Nachfolgeprojekt „Digital – Mobil“. „Wie Digitalisierung Arbeit mobil macht und mobile Arbeit verändert – Chancen, Risiken und Gestaltungsmöglichkeiten“ heißt das Thema der Auftaktveranstaltung um 17 Uhr im Kulturzentrum PFL in Oldenburg. Prof. Wolfgang Menz, Arbeitssoziologe der Universität Hamburg, wird dazu den Impulsvortrag halten. Anmeldung bis 29. November per E-Mail an heike.wiese@uni-oldenburg.de oder per Telefon 0441/ 798 2910.
Vier Zukunftswerkstätten zu den Themen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, individueller Gesundheitsschutz, Führung bei mobiler Arbeit sowie Möglichkeiten den Pendelverkehr durch mobile Arbeit zu reduzieren sind für 2020 geplant.
