Vechta - „In ländlichen Regionen werden weniger Partnergewaltdelikte bei der Polizei angezeigt als in Städten. Deshalb ging die Wissenschaft bisher davon aus, dass es in ländlichen Gebieten auch weniger Partnergewalt gibt“, sagt Prof. Dr. Yvette Völschow von der Universität Vechta. Ob diese Annahme der Realität entspricht, hat die Sozial- und Erziehungswissenschaftlerin als Leiterin des Projekts „Partnergewalt in ländlichen Regionen Niedersachsens“ (PaGeNie) untersucht. Dabei arbeiteten die Wissenschaftler der Uni Vechta mit Polizei- und Beratungsstellen zusammen. Finanziert wurde das Projekt seit 2011 vom Land Niedersachsen.
Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. So zeigte sich, dass es im ländlichen Raum nicht weniger Partnergewalt gibt. Die Delikte werden allerdings seltener angezeigt. „Auf dem Land werden solche Probleme eher nicht nach außen getragen. Da steht häufiger noch die Sorge um das Ansehen der Familie im Weg“, so Völschow.
Opfer nicht geschützt
„Die soziale Kontrolle schützt nämlich nicht unbedingt das Opfer. Hier spielt das Ansehen des Einzelnen in der Nachbarschaft eine größere Rolle. Um ein krasses Beispiel zu nennen: Ist der Täter etwa im Vorstand des Schützenvereins und auch sonst ein angesehenes Gemeindemitglied, will man es sich nicht mit ihm verscherzen. Folglich werden beziehungsweise wollen viele dem Opfer keinen Glauben schenken“, erklärt Völschow. „Andererseits kann es in ländlichen Räumen in der Tat aber auch sein, dass der Täter ausgeschlossen wird, wenn das Opfer gut vernetzt ist und ein hohes Ansehen genießt.“
In dem Projekt haben die Wissenschaftler auch die Aussagen Einzelner in die Untersuchung einbezogen. Die Berichte Betroffener und professioneller Akteure seien dabei besonders wichtig gewesen, da Partnergewalt im ländlichen Raum häufig verschwiegen wird, so Völschow. Außerdem wurden die Ergebnisse von Befragungen größerer Gruppen und die amtlich registrierten Fälle ausgewertet.
Oldenburg ist Ausnahme
Dabei wurden die Landkreise Cloppenburg, Vechta, Aurich und Wittmund genauer betrachtet. Auch auf Gemeindeniveau wurden Fallzahlen verglichen, sowie zwischen Stadt und Land. „Dabei ergab sich zumeist das bekannte Bild, von weniger Anzeigen auf dem Land“, berichtet Völschow. „Mit einer Ausnahme: In der Stadt Oldenburg waren die Fallzahlen über den gesamten Untersuchungszeitraum von vier Jahren sehr niedrig. Obwohl die typisch ländlichen Strukturen in Oldenburg nicht greifen.“
Ländliche Strukturen sind neben dem Ansehen in der Gemeinde auch durch die größere Macht des Einzelnen gekennzeichnet. So seien die informellen Wege zwischen Behörden, Frauenhäusern, Polizei und so weiter – im Gegensatz zu den äußeren – auf dem Land häufig kürzer, weil man sich oft persönlich kennt. Deshalb könne Opfern schneller geholfen werden, sagt Völschow. „Das funktioniert aber nur, wenn der Ansprechpartner bei der Behörde engagiert ist. Wenn nicht, haben die Opfer in ländlichen Gegenden oft wenig Alternativen bei der Suche nach jemandem, der ihnen hilft.“
