Bremen - Wie kann es sein, dass es junge Menschen gibt, die etwa im demokratischen Frankreich oder Belgien aufgewachsen, oft sogar geboren sind, sich dann aber als Kämpfer am „Dschihad“, dem so genannten Heiligen Krieg beteiligen, Attentate planen und ausführen? Welche Faktoren führen dazu, dass diese Menschen zu Terroristen werden? Eine Befragungsstudie unter Beteiligung der Jacobs University in Bremen hat jüngst die psychologischen Prozesse untersucht, die einer Radikalisierung vorausgehen.
Einer der Schlüsselfaktoren für das Abgleiten von muslimischen Immigranten in die Radikalität sei die Frage der kulturellen Zugehörigkeit, so die Autoren der Studie, die das Ergebnis eines Gemeinschaftsprojekts der University of Maryland (USA) und der Jacobs University unter Federführung von Prof. Dr. Michele Gelfand (University of Maryland) und Prof. Dr. Klaus Boehnke (Jacobs University) ist.
Kulturell heimatlos
Besonders gefährdet seien diejenigen, die kulturell heimatlos seien, die sich weder mit der vorherrschenden Kultur ihrer Herkunftsländer noch mit der ihrer Ankunftsländer identifizieren. Dieser Prozess der Marginalisierung verschärfe sich, je mehr diese Personen ausgegrenzt werden, sich diskriminiert fühlen und den Verlust von persönlicher Bedeutung erfahren. Radikale Gruppen seien für diesen Personenkreis attraktiv, weil sie nach dem Freund-Feind-Schema ein klares Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.
„Unsere Studie belegt: Je mehr die Immigranten sich respektiert fühlen, desto weniger anfällig sind sie für eine Radikalisierung“, sagt Dr. Marieke van Egmond, Co-Autorin der Studie und Psychologin. Klaus Boehnke, Professor für Social Science Methodology, ergänzt: „Wir sollten uns in Deutschland darauf konzentrieren, Integration nicht nur in einem formalen Sinne zu verbessern, also etwa den Sprachunterricht oder die kulturelle Bildung, sondern wir sollten Respekt für andere Lebensweisen zum Ausdruck bringen. Insbesondere mangelnde Anerkennung für die Lebensleistung von jungen Immigranten ist kontraproduktiv. Es wurden ganz überwiegend Muslime mit einem erfolgreichen Bildungswerdegang befragt. Denen mangelt es nicht an formaler Integration, sondern an Anerkennung. Dies wirft sie zurück auf Lebenssichten, die in den Herkunftskulturen ihrer Eltern eigentlich gar nicht mehr favorisiert werden, etwa der Überzeugung, man müsse sich am Dschihad beteiligen.“
Risiko Radikalisierung
Die Studie mit dem Titel „The Struggle to Belong: Immigrant Marginalization and Risk for Homegrown Radicalization“ (Der Kampf um Zugehörigkeit: Die Marginalisierung von Immigranten und das Risiko einer hausgemachten Radikalisierung) basiert auf der Befragung von 464 Muslimen, davon 204 in Deutschland, die von Dezember 2013 bis Juni 2014 durchgeführt wurde. Die Befragung wandte sich gezielt an junge, gut gebildete Muslime. Etwa die Hälfte der Befragten waren Studierende.
89 Prozent der Befragten gaben an, sie fühlten sich als Teil von Deutschland. Gleichzeitig herrschte der Eindruck vor, dass die Deutschen von ihnen eine Assimilierung, also die vollständige Anpassung unter Aufgabe der Heimatkultur erwarten, die die Immigranten aber mehrheitlich ablehnen. 77 Prozent stimmten der Aussage zu, in Deutschland gebe es ein nicht unerhebliches Ausmaß an Islamophobie. Wobei weniger als zehn Prozent selbst Opfer von Diskriminierung aufgrund ihrer Religion oder Kultur geworden sind. Auffällig ist: Je stärker die Teilnehmer sich diskriminiert fühlten, desto weniger waren sie bereit, die Werte ihrer Herkunftsländer zugunsten der in ihrer neuen Heimat vorherrschenden zurückzustellen.
