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„Grote Mandränke“ bringt Tod und Elend

16.01.2012

WILHELMSHAVEN Diese Nacht schreibt Geschichte: „Um Mitternacht erhob sich ein so fürchterlicher Sturm, dass die festesten Gebäude und Kirchen einstürzten und die dicksten Bäume umgeweht wurden“, wehklagt ein Dominikaner-Mönch später in den Annalen des Klosters Norden. Der Sturm „rief eine Flut hervor, die die Westermarsch und auch Teile Ostfrieslands überschwemmte.“ Allein in Nordfriesland seien in dieser Nacht 7600 Menschen ums Leben gekommen, schätzt 300 Jahre später der Chronist Anton Heimreich. 2,4 Meter habe die Flut über den Deichen gestanden und acht Kirchspiele zerstört, darunter Rungholt.

Rungholt – mit diesem Namen verbindet sich in der Volkstradition Nordfrieslands die Erinnerung an Reichtum und Wohlstand. Die Siedlung auf der Insel Strand bei der heutigen Hallig Südfall ist im Hohen Mittelalter der bedeutendste Handelsplatz in Nordfriesland. Neben Agrarprodukten werden die Händler vor allem reich mit dem Verkauf von Salz – im Mittelalter ein kostbares Gut. Schiffe der Hanse sollen hier regelmäßig Ware geladen haben. Kein Wunder, dass die große Flut schnell als göttliches Zeichen gegen Dekadenz gewertet wird. Während ihr totes Vieh in Bäumen verfangen fault und ihre Häuser davon schwimmen, fühlen die wenigen Überlebenden sich nun auch von Gott verlassen.

Land für immer verloren

Doch das Schlimmste ist: Während der „Mandränke“ vom 16. Januar 1362 seien große Teile der Uthlande zwischen Eiderstedt im Süden und Sylt im Norden auf immer verloren gegangen, berichtet Dirk Meyer, der langjährige Leiter der Arbeitsgruppe Küstenarchäologie/Landschaftsentwicklung des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste der Universität Kiel. „Die westlichen Seemarschen im Gebiet der heutigen Hallig Hooge, die seit dem frühen Mittelalter besiedelt waren, wurden ebenso in das Wattenmeer einbezogen wie das seit dem hohen Mittelalter kultivierte, vormals vermoorte Sietland.“

Nicht nur in Nordfriesland richtet die „Grote Mandränke“ schwerste Verwüstungen an. An der Ems bricht der Deich gegenüber der Stadt Emden und die Nordsee gräbt den Dollart tief ins Land hinein. Die Leybucht und die Harlebucht fressen sich binnenwärts und auch der Jadebusen nimmt sich viel von der fruchtbaren Marsch. Zwischen Sande, Ellens und Neustadtgödens entsteht das legendäre Schwarze Brack als mächtige Seitenbucht und das Land zwischen Jade und Weser wird in die Inseln Butjadingen und Stadland zersplittert. Auch die Maadebucht, die seit alters her die Grenze zwischen Östringen und Rüstringen bildet, weitet sich aus. Kurz: Nach der Nacht auf den Marcellustag 1362 ist an der Nordseeküste nichts wie zuvor.

Die Katastrophe kommt mit Ansage. Noch immer siedeln die Marschmenschen auf hoch gelegenen künstlichen Wurten. Niedrige Sommerdeiche schützen aber seit einiger Zeit das Marschland, so dass die Bauern ihre Äcker bestellen können. Über Siele wird das Grundwasser bei Ebbe ins Meer geleitet. So sackt allerdings auch der Boden merklich ab und der Torfabbau tut ein Übriges. Die Winter- und Frühjahrsfluten wüten damit umso verheerender und reißen die niedrigen Deiche immer wieder ein.

Küste entvölkert

Als dann zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Klima abkühlt, gesellen sich Missernten, Schwäche und Armut hinzu. Außerdem kommt der Schwarze Tod an die Nordsee und reißt klaffende Lücken in die Bevölkerung. Die von Chronisten angegebenen 100 000 Toten der Marcellusflut sind wohl hoffnungslos übertrieben, weil schon vorher die Küste entvölkert ist. Klar ist jedenfalls: Wer der Pest entrinnt, der ist viel zu entkräftet, um dem Blanken Hans mit gut gepflegten Deichen Paroli zu bieten.

Den Grund für das besonders verheerende Wirken der Marcellusflut in Nordfriesland sieht Dirk Meier indessen im Untergrund. Der sei von tiefen Schmelzwassertälern der letzten Eiszeit durchzogen. Die eindringende Nordsee habe sie mit leichten Sedimenten verfüllt. In den schweren Fluten des Mittelalters wurden sie teils wieder ausgespült. Wo zuvor nur flache Priele zwischen den Marschinseln flossen, entstehen damit mächtige Wattströme, die mit jeder Flut das Marschland weiter aushöhlen.

Doch auch die Fluthöhe selbst muss gewaltig gewesen sein. „Sonst wäre in so kurzer Zeit nicht soviel Land verloren gegangen“, glaubt der Meeresgeologe Burghard Flemming. Er leitete bis 2009 das Forschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven. Flemming verweist auf einen zwölf Meter langen Bohrkern, der Anfang dieses Jahrtausends an Bord des Forschungsschiffs „Meteor“ südlich von Helgoland gezogen wurde. „Die oberen drei Meter repräsentieren die letzten 500 Jahre. Sie sind ordentlich geschichtet, wie es bei Sedimentablagerungen zu erwarten ist. Darunter jedoch herrscht völliges Chaos. Über neun Meter Sediment unterschiedlichsten Alters muss hier in plötzlich miteinander vermischt und abgelagert worden sein“, sagt Flemming.

Kirchen unterspült

„Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch, schwamm andern Tags der stumme Fisch“, reimt Romantiker Liliencron im 19. Jahrhundert etwas ungelenk. Tatsächlich müssen in geologisch betrachtet kürzester Zeit riesige Mengen Sand und Erdboden abgetragen und fortgespült worden sein, um die Landverluste zu erklären. „Das waren Sedimentbewegungen in Größenordnungen, wie wir sie in so kurzer Zeit bislang nicht kannten“, staunt Flemming, „Keiner weiß heute, wohin dieses Sediment verschwunden ist. Das ist noch immer ein ungelöstes Rätsel.“

Die düsteren Schilderungen wie die des Ordensbruders aus Norden entspringen jedenfalls nicht blühender Fantasie. Selbst die mächtigen Wehrkirchen aus schweren Granitquadern, von den Eiszeitgletschern Jahrtausende zuvor aus Skandinavien herangerollt, werden von der „Groten Mandränke“ häufig einfach unterspült. Auch ein Kirchenbau aus dem frühen 13. Jahrhundert am Südufer der Maadebucht wird zerstört. Seine Überreste bringt Herrmann Haiduck vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung bei Ausgrabungen 1972 bis 1975 wieder ans Tageslicht.

Deiche verstärkt

Die schrecklichen Tage im Januar 1362 wecken immerhin viele aus ihrer Lethargie. Mit neuen Deichlinien will man Groden für Groden das Land zurück gewinnen. Dazu gehört auch der Innieter Groden – der eingedeichte Groden – dessen Deich auf der heutigen Kirchreihe neu entsteht. Hinter dem Deich reihen sich bald einzelne Gehöfte entlang anstatt einer großen Dorfwurt. Als Zeichen ihrer Gottesfurcht und als Dank fürs blanke Überleben beginnen die Friesen kurz nach der Flut auch mit dem Bau einer neuen Kirche. So wird die geduckte romanische Kirche von Neuende zum heute ältesten Gotteshaus auf Wilhelmshavener Stadtgebiet. Hinter ihren dicken Mauern mahnt der graue, rund einen Meter hohe Taufstein aus dem Vorgängerbau noch heute an die Ereignisse vor 650 Jahren. Und das mit gutem Grund: „Für schwere Sturmfluten hat man einen Wassertand von rund 3,8 m über dem mittleren Hochwasser ermittelt“, so Flemming.

Rechne man diesen Wert dem mittleren Hochwasserpegel von 1362 hinzu, so zeige sich: Der Sturmwasserstand war damals mindestens so hoch wie der von 1962, als die modernen Deiche stellenweise überspült wurden und 280 Menschen ums Leben kamen. „Berücksichtigt man die vor 650 Jahren noch viel niedrigeren Deiche, dann beginnt man zu verstehen, wie es zur Groten Mandränke kommen konnte.“

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