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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Campus

Reformen als Experimente verstehen

17.04.2019

Oldenburg Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in internationalen Vergleichstests, dem so genannten „PISA-Schock“ im Jahr 2001, führten alle Bundesländer Schulinspektionen ein, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Wieso diese Reform in Niedersachsen seit ihrer Einführung 2005 bereits zweimal reformiert wurde, ist das Thema einer historischen Analyse der Organisationsforscher Prof. Dr. Heinke Röbken, Marcel Schütz und Dr. Pia Lehmkuhl von der Universität Oldenburg. Im Fachmagazin „Journal of Educational Administration and History“ blickt das Team aus organisationswissenschaftlicher Perspektive auf die niedersächsische Schulinspektion.

„Reformen stimulieren Entwicklungsprozesse, und sie befördern den Austausch über das jeweilige Thema“, erläutert Röbken, die an der Universität Oldenburg den Arbeitsbereich Bildungsmanagement leitet. Eine solche Entwicklung beobachten sie und ihre Kollegen auch im Fall der niedersächsischen Schulinspektion. „Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass man Reformen nicht so sehr allein an konkreten Ergebnissen bewerten kann, sondern daran, ob und wie sie überhaupt die Beschäftigung mit der Schule anstoßen“, betont Röbken. Durch die Schulinspektion und ihre Reformschleifen sei die Debatte über die Qualität des Schulsystems in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Agenda gesetzt worden.

Die Schulinspektion in Niedersachsen wurde 2005 als Folge des PISA-Schocks eingeführt. Anfang der 2000er Jahre kam deutschlandweit eine gesellschaftliche Diskussion über Schulqualität, evidenzbasierte Schulpolitik und Bildungsstandards in Gang. Anschließend leiteten die Bundesländer eine ganze Reihe von Veränderungen ein. So führten die Behörden unter anderem zentrale Prüfungen und Schulinspektionen ein. Den Oldenburger Wissenschaftlern zufolge blieben radikale Reformen jedoch aus: Alle Bundesländer versuchten, die Qualität und Effizienz des Unterrichts zu verbessern, ohne die grundlegende Struktur des Schulsystems zu verändern.

In der ersten Runde trugen die Inspektionen zwar große Datenmengen zusammen, doch zogen weder Politik noch Verwaltung aus den Ergebnissen weitergehende Schlüsse, wie die Forscher schreiben. Stattdessen beschloss das Ministerium, das Instrument der Schulinspektion grundlegend zu reformieren. Es wurde weniger Wert auf Kontrolle und mehr auf Dialog zwischen dem Inspektionsteam und der Schule gelegt. Seit 2018 untersucht die „Fokusevaluation“, ob eine Schule selbst gesetzte Entwicklungsziele erreicht.

Diese Entwicklung ist Röbken und Kollegen zufolge nicht untypisch für Reformen in größeren Organisationen. So zeige sich, dass Reformen zwar üblicherweise das Ziel haben, die Organisation zu verbessern, etwa Abläufe effizienter zu gestalten oder Defizite zu verringern. Meist bleiben die eingeleiteten Veränderungen allerdings an der Oberfläche, weshalb Reformen häufig ihr Ziel verfehlen und anschließend weitere Reformen folgen.

„Das heißt aber nicht, dass eine Reform versagt hat“, betont Lehmkuhl. Reformen erprobten vielmehr, welche Änderungen möglich seien. Reformen seien als Experimente zu verstehen. Dieser Prozess fördere die Erneuerung einer Organisation: Bestehendes würde in Frage gestellt und auf Gültigkeit überprüft.

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