Emstek - 13. November 1972: Wie jeden Morgen wollten mein Zwillingsbruder Klaus – wir waren neun Jahre alt –, mein älterer Bruder Andreas (10) und ich uns früh um sieben von unserem Haus direkt an den Ahlhorner Fischteichen auf den Weg zur Grundschule Beverbruch machen.
Wenn das Wetter einigermaßen war, fuhren wir mit dem Fahrrad die vier Kilometer durch den Wald und dann noch einmal zwei Kilometer an der Bundesstraße entlang. Nur bei schlechtem Wetter wurden wir gebracht.
Schindeln fallen herunter
Die Autos, die uns an diesem 13. November 1972 auf der Bundesstraße nach Beverbruch entgegen kamen, hatten sichtlich Mühe, die Spur zu halten. Endlich angekommen, ließ uns Vater vor der Schule aus unserem VW Käfer heraus und verabschiedete sich eilig. Vom Kirchturm, der direkt an der Kreuzung in Beverbruch steht, segelten schon Schindeln herunter und krachten auf die Straße.
Bis zur Schultür waren es von der Straße aus vielleicht 50 Meter. Nie werde ich vergessen, was für ein Gefühl es war, diese paar Meter zu gehen: Inzwischen war es so stürmisch geworden, dass wir uns gegen den Wind lehnen mussten, um überhaupt voran zu kommen. Noch war es ein Spaß. Die Anoraks plusterten sich nach hinten auf wie ein Ballon. Wir hatten wirklich das Gefühl, wir würden gleich abheben. Mit Mühe und Not erreichten wir den Schuleingang und die Lehrerin, die Tür aufstemmend, schrie uns entgegen: „Kommt schnell rein. Es hat eine schlimme Warnung gegeben: Es soll ein richtiger Orkan kommen.“
Mitten im Baumweg Ahlhorn lagen die Ahlhorner Fischteiche, die mein Vater beruflich bewirtschaftete. Die kleine Ansammlung von Häusern in der Teichwirtschaft, in der wir das Fischmeisterhaus bewohnten, lag ziemlich einsam. Zu den Nachbarn zählten die Großeltern und Tante Ella sowie die beiden Familien der Mitarbeiter meines Vaters: Das war schon alles.
Unterricht unmöglich
Der Versuch unserer Lehrerin, Unterricht zu machen, war nicht fruchtbar. Unzählige Mitschüler waren erst gar nicht in der Schule angelangt. Draußen toste es. Durch die Schule ging ein jammerndes Geheul, der Wind zog durch alle Ritzen des Flachbaus. Gegen halb elf entschied die Schulleitung, alle Schüler wieder nach Hause zu schicken. Wir drei hatten den weitesten Schulweg, zu Hause war niemand zu erreichen, die Telefonleitung war tot. Was tun?
Unsere Lehrerin hatte die Verantwortung für uns, und so stopfte sie uns gegen 11 Uhr in ihren Pkw. Der Orkan hatte sich zu dem Zeitpunkt zwar etwas beruhigt, aber es war immer noch stürmisch. Auf der Bundesstraße mussten wir mehrfach heruntergefallenen Ästen in allen Größen ausweichen. Wir sahen an Bauernhöfen längs der Straße abgedeckte Dächer. Bäume waren umgefallen und lagen auf Halbmast in den Vorgärten.
Aber was uns erwartete, als wir in die Stichstraße zu den Fischteichen abbogen, war unbeschreiblich. Zig entwurzelte Bäume lagen kreuz und quer über der Straße, Strommasten waren umgekippt.
Unserer Lehrerin blieb nichts anderes übrig, sie musste uns an dieser Stelle rauslassen. Irgendwie mussten wir versuchen, uns die restlichen vier Kilometer zu Fuß und alleine durchzuschlagen. Wir kletterten mehr als das wir gingen. Wir hatten Angst, dass in den Leitungen noch Strom sein würde und erwarteten jede Sekunde einen Stromschlag. Irgendwie machte die Kletterei natürlich Spaß. Klar war: Dies ist ein Abenteuer. Klaus war sich sicher, dass wir am nächsten Tag nicht zu Schule müssten, was ihn fröhlich vor sich hinpfeifen ließ. Einer nach dem anderen bahnten wir uns den Weg.
Wasser aus Teichen
Wie mochte es bei uns aussehen? Gott sei Dank war bei uns und den Großeltern nichts Schlimmeres passiert. Aber erst nach einer Woche waren die Straßen wieder frei, und wir konnten wieder zur Schule gelangen. Auch der Strom kam erst nach zwei Wochen wieder. Vier Wochen lang hatten wir kein Wasser, das musste in alten Milchkannen aus Beverbruch herangefahren werden. Wäsche wurde mit Wasser aus den Teichen, das in alten Bottichen in einem Futtermittelraum notdürftig beheizt werden konnte, gereinigt – so gut das eben ging. Auch die Windeln meines kleinen Bruders. Mutter heizte den alten Kohleofen in der Küche, den wir Gott sei Dank dort stehen hatten, ordentlich ein, so gab es Warmes zu essen und Warmwasser.
Wald sah schlimm aus
Der Wald sah schlimm aus. Ein Freund meines Vaters, der als Förster den Baumweg betreute, war den Tränen nahe. Was war von diesem herrlichen Wald übriggeblieben? Es war wahnsinnig traurig. Und so sah der abgetakelte Wald in diesem ersten Winter nach dem großen Sturm auch aus - alles weggebrochen, innerhalb von wenigen Stunden.
