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Besatzungskind eines Kanadiers Wurzeln in der Welt, Heimat in Edewechterdamm

Besatzungskind: Ilse Sandjo kam 1947 als Kind eines kanadischen Soldaten zur Welt. Sie wuchs in Edewechterdamm auf und suchte erst in den 70er-Jahren nach ihren väterlichen Wurzeln.

Besatzungskind: Ilse Sandjo kam 1947 als Kind eines kanadischen Soldaten zur Welt. Sie wuchs in Edewechterdamm auf und suchte erst in den 70er-Jahren nach ihren väterlichen Wurzeln.

Eva Dahlmann-Aulike

Edewechterdamm - Als Kind eines kanadischen Soldaten ist Ilse Sandjo in Edewechterdamm und Husbäke aufgewachsen. Viele Mütter und die „Besatzungskinder“ erlebten Ausgrenzung, manchen jungen Frauen wurden die Kinder entzogen. Sandjo erlebte das ganz anders. Ihre Familie und die ganze Nachbarschaft akzeptierte und beschützte sie. Gleichzeitig wurde aber nicht über Ilse Sandjos Vater gesprochen. Und als Kind habe sie auch nie gefragt, sagt Sandjo.

Zufälliges Treffen

Ihre Mutter Gertrud Schröder aus Husbäke, traf den kanadischen Soldaten Frank Segui auf dem Weg von Bad Zwischenahn nach Husbäke. Eine Militärkontrolle hatte die Radfahrerin angehalten. Es muss eine unangenehme Situation für die junge Gertrud gewesen sein. Als Frank Segui in einem Jeep vorbeikam, hielt er an und „erlöste“ sie. Frank war bald regelmäßiger Gast bei Familie Schröder. Aus heutiger Sicht findet Ilse Sandjo das bemerkenswert. Ihre Großeltern hätten ihre Mutter mit ihren Wünschen ernst genommen, der vermeintliche „Feind“ wurde als Freund der Tochter akzeptiert.

Gertrud Schröder wurde schwanger und das Paar plante zu heiraten. Doch Segui ist bei der Geburt seiner Tochter Ilse im April 1947 bereits mit seiner Einheit nach Belgien versetzt worden. Aus Antwerpen schickte ihr Vater einen Brief: Er habe Schiffspassagen für seine Verlobte und seine Tochter nach Kanada reserviert. „Diesen Brief hat meine Mutter nie zu Gesicht bekommen, denn meine Großmutter vernichtete ihn. Sie wollte nicht, dass meine Mutter mit mir in die Ungewissheit geht und vor Heimweh stirbt“, sagt Sandjo. Wie diese Zeit für ihre Mutter gewesen ist, hat Ilse Sandjo nie gefragt. Heute bedauert sie das.

Ende 1949 heiratete Gertrud Schröder den Torfarbeiter August Wiza aus Edewechterdamm. Das Paar zog mit Ilse zur Familie Wiza, die in einem der drei Schokoladenhäusern wohnte. Die hießen so, weil sie aus braunem Holz bestanden. Als jedoch das erste gemeinsame Kind unterwegs war, zogen sie um auf die „Landwirtschaft“, ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager an der Altenoyther Straße.

Ihre Kindheit in Edewechterdamm hat Ilse Sandjo sehr positiv in Erinnerung. „Das ist meine Heimat, da habe ich viele gute Gefühle.“ Der Zusammenhalt sei groß gewesen, die Nachbarn hätten auf alle Kinder aufgepasst. Sie sei sehr gerne auch allein im Moor gewesen und sich immer beschützt gefühlt, sagt Sandjo. Ohne zu wissen warum, wurde sie immer ein bisschen besonders behandelt. So hatte ihre Mutter eine Putzstelle, um die Postbusfahrkarte nach Oldenburg zu finanzieren, wo Ilse auf die Mittelschule ging. Dort wurde auch Englisch unterrichtet. Erst spät habe sie verstanden, dass ihre Mutter ihr ermöglichen wollte, sich mit ihrem Vater zu verständigen.

In den 1970er-Jahren lies Ilse Sandjo über die deutsche Botschaft in Kanada ihren Vater ausfindig machen und nahm per Brief Kontakt auf. Als Frank Segui in den 1980er-Jahren zu einer D-Day-Gedenkfeier nach Belgien kam, besuchte er auch seine Tochter, die damals schon in Bremen lebte. Ihrer Mutter verriet Ilse Sandjo nichts von dem Besuch. Ihr Adoptivvater lebte noch, sie wollte alle Verletzungen vermeiden. Sandjo organisierte auch, dass ihr Vater den spanischen Teil seiner Verwandtschaft kennenlernen konnte. Sein Vater stammte nämlich aus der Nähe von Alicante. In den 1990er-Jahren besuchte sie ihren Vater in Kanada und lernte dort auch ihre Halbgeschwister kennen.

Großmutter Irokesin

Frank Segui fuhr mit ihr in die Reservate der kanadischen Ureinwohner und stellte sie dort als seine Tochter vor. Erst auf Nachfrage erfuhr sie, dass ihre leibliche Großmutter eine Ureinwohnerin der Haudenosaunee, der „Irokesen“, gewesen war. „Nun weiß ich, warum ich bin, wie ich bin“, schrieb Ilse Sandjo auf ihre Postkarten nach Hause. Es sei ein gutes Gefühl ein Mensch „querbeet“ mit vielen Wurzeln zu sein, sagt die 75-jährige, die sich seit vielen Jahre in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Eva Dahlmann-Aulike
Eva Dahlmann-Aulike Redaktion Münsterland
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