Bollingen - Den Bewohnern des Seniorenheims St. Michaelstift geht es gut. „Rundum zufrieden“ sei er, sagt Heinrich Droste (85). Daran hat auch Corona nichts geändert. Dass ihn seine Kinder zu Beginn nicht mehr besuchen durften, hat er akzeptiert: „Das weiß man ja, dass das nicht ging.“ Telefonieren war ja erlaubt. „Aber das ist natürlich anders, wenn sie hier sind“, sagt Droste.
Das durften sie auch recht früh schon wieder. Ab dem 17. März galt in niedersächsischen Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern ein Besuchsverbot, ab dem 20. April konnten sie beim Gesundheitsamt eine Ausnahme des Verbots beantragen. Gunnar Evers, Leiter des St. Michaelstifts, tat dies, wie er sagt, als einer der ersten in der Gegend. Seit dem 29. April sind Besuche im St. Michaelstift wieder erlaubt – lange, bevor das Land Niedersachsen am 20. Mai Heimbewohnern das Recht auf Besuch einräumte. Voraussetzung war ein Hygienekonzept, das das Seniorenstift dem Landkreis vorlegen musste. „Schon am ersten Tag kamen mehr als 50 Besucher“, sagt Evers. Das Heim hatte alle Angehörigen rasch informiert. „Es gab Tränen vor Freude, so glücklich waren die“, so der Leiter.
Durch das Hygienekonzept soll eine Ansteckung mit dem Corona-Virus vermieden werden. Für Besuche in dem Heim gelten daher unter anderem folgende Regeln: nur eine Person pro Besuch; vorherige Anmeldung des Besuchs; Mundschutz; Abstand halten.
Die Besuchstage werden spontan festgelegt, den Angehörigen aber rechtzeitig mitgeteilt. Die Spontaneität hat ihren Grund: das Wetter. „Besucher wenn möglich bitte draußen bleiben“ lautet die Devise. Die Besucher sprechen mit den Heimbewohnern durchs gekippte Fenster, während sie selbst draußen stehen, oder sie gehen gemeinsam in den „Besuchsgarten“ an die frische Luft.
Da seien sie jetzt schon ein paarmal gewesen, sagt Johanna Dübbelde, mit 101 die älteste Bewohnerin des Stifts. „Das war richtig schön, das hat gutgetan“, sagt sie. Ihr Sohn besucht sie regelmäßig, zweimal die Woche, an allen anderen Tagen telefonieren die beiden.
Emma Börgers (78) ist glücklich über die vielen Besuche ihrer Nichten und Neffen. Nur eines macht ihr zu schaffen: „Wenn man aufeinander zugeht, neigt man dazu, sich umarmen zu wollen. Dass man sich nicht drücken darf, fällt schon schwer.“ Die sechs Wochen ohne Besuche hat sie in guter Erinnerung: „So viele haben angerufen, Grüße oder Aufmerksamkeiten geschickt. Ich habe mich so gefreut, dass ich jeden Tag aufgeschrieben habe, wer sich gemeldet hat.“
Im St. Michaelstift gibt es laut Leiter Evers „niemanden ohne Besuch“. Wer keine Angehörigen oder Bekannten hat, bekommt Besuch von Ehrenamtlichen. Für das Heim bedeutet das einen Mehraufwand, personell wie finanziell. An Besuchstagen sind fünf Mitarbeiter allein für die Besuchsbetreuung zuständig, im März wurden Geräte angeschafft, mit denen die Bewohner per Videotelefonie Kontakt zu ihren Angehörigen halten können. Für Evers spielen die Kosten keine große Rolle: „Das Wohl der Bewohner ist das Wichtigste.“
