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Inklusion im Wohn- und Pflegeheim Mit „Jobwärts“ aus der Werkstatt ins Barßeler „To Huus“

Leon Werth
Kaffeepause im Wohn- und Pflegeheim „To Huus“ (von links): Mezgine Akbulut, Acky Kassens, Helga Stolz, Ludger Reil, Helene Pettendrup, Jörg Stratmann und Ingrid Klein.

Kaffeepause im Wohn- und Pflegeheim „To Huus“ (von links): Mezgine Akbulut, Acky Kassens, Helga Stolz, Ludger Reil, Helene Pettendrup, Jörg Stratmann und Ingrid Klein.

Leon Werth

Barßel - „Freud und Glück“. Diese Bedeutung hat Mezgine Akbuluts kurdischer Vorname. Und ihre Lebensfreude macht sich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Wohn- und Pflegeheims „To Huus“ in Barßel bemerkbar. Seit Februar 2020 kümmert sich die 37-Jährige um die Betreuung der Seniorinnen und Senioren.

Betriebliche Inklusion

Der Fachdienst „Jobwärts“ kümmere sich um Menschen mit verschiedensten Vermittlungshemmnissen, erklärt Jobcoach Ludger Reil. Neben Menschen mit Beeinträchtigungen sind das psychisch erkrankte Personen, Menschen mit erworbener Hirnschädigung nach Unfall oder Schlaganfall, erwerbsgeminderte Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen aus dem Kreis des SGB II und Menschen mit Migrationshintergrund.

Kooperationspartner hat „Jobwärts“ in Pflege, Handwerk und Industrie. Vermittelte Beschäftigte könnten auch das Fachpersonal eines Unternehmens entlasten, meint Jörg Stratmann. Derzeit herrsche vielerorts Fachkräftemangel. Ein KFZ-Mechaniker habe einen Hilfsarbeiter gut gebrauchen können, der die Aufgaben des Lehrlings unterstützt, welcher oft schon Gesellenarbeit verrichten müsse. „Der Fachdienst kümmert sich darum, dass es passt, und achtet darauf, dass ein Unternehmen nicht nur auf wirtschaftliche Vorteile aus ist“, so Stratmann. 

In vielen Fällen haben Betriebe einen Anspruch auf den Lohnkostenzuschuss „Budget für Arbeit“ oder Fördergelder des Integrationsamtes für Neuanschaffungen, die auf die Bedürfnisse der vermittelten Beschäftigten zugeschnitten sein müssen. Weitere Informationen auf der Internetseite des Caritas-Vereins Altenoythe.

Geboren wurde Mezgine Akbulut in Midyat in der türkischen Region Südostanatolien. Seit 22 Jahren lebt sie in Deutschland und arbeitete zunächst in der Näherei der Sozialen Arbeitsstätte (WfbM) vom Caritas-Verein Altenoythe. Irgendwann ging sie auf Jobcoach Jörg Stratmann vom Fachdienst für betriebliche Inklusion „Jobwärts“ zu und fragte ihn, ob sie auch außerhalb der Werkstatt arbeiten könne.

Fachdienst „Jobwärts“

Vor drei Jahren hat der Fachdienst für betriebliche Inklusion „Jobwärts“ mit finanzieller Unterstützung von „Aktion Mensch“ seine Arbeit aufgenommen. Inzwischen betreut der Dienst etwa 80 bis 90 Menschen mit Beeinträchtigung und Vermittlungshemmnissen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen, auf ausgelagerten Arbeitsplätzen und in Praktika im Landkreis Cloppenburg.

Nach verschiedenen Arbeitserprobungen in Seniorenheimen war sich Mezgine Akbulut sicher, was sie machen möchte. Jörg Stratmann setzte sich mit Acky Kassens, Hauswirtschaftsleiterin im „To Huus“, in Verbindung. Er konnte Akbulut ein vierwöchiges Praktikum vermitteln. „Es herrscht eine große Offenheit im Haus. Ein solches Programm unterstützen wir total gerne“, erzählt Kassens.

Nervöser Start

„Am Anfang war ich noch sehr nervös. Aber nach ein paar Tagen ging’s“, sagt Akbulut über den Beginn ihres Praktikums und erklärt ihren Arbeitsalltag: „Morgens verteile ich das Frühstück. Ich mache den Abwasch, reiche Speisen an und helfe ein bisschen bei der Pflege. Das macht mir total Spaß.“ Auch für Spiele und Spaziergänge an der frischen Luft nimmt sie sich Zeit. Am Ende ihres Praktikums waren sich Bewohner und Kollegen sicher: „Mezgine muss hier bleiben.“

„Es ist ein ganz neu erschaffener Arbeitsplatz“, erklärt Kassens. Gemeinsam mit Akbulut und Stratmann prüfte sie, welche Tätigkeiten für ihre neue Mitarbeiterin zu schaffen sind. Weil Akbulut nicht lesen kann, war die Zuordnung der Tabletts bei der Verpflegung der Bewohner zunächst eine Herausforderung. Schnell fand sich die kreative Lösung, Tabletts und Zimmertüren mit zueinander passenden Symbol-Aufklebern auszustatten.

allgemeiner Arbeitsmarkt

Ziel des „Jobwärts“-Programms ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu ermöglichen. Das „To Huus“ ist für Akbulut ein Außenarbeitsplatz. Noch immer ist sie Werkstattbeschäftigte, verdient hier aber etwas mehr Geld. Weiterhin werden sie und das „To Huus“-Team durch den Fachdienst betreut und Akbulut hätte die Möglichkeit, in die Werkstatt zurückzukehren. Nach 20-jähriger Beschäftigung für die Soziale Arbeitsstätte hat sie auch ein Anrecht auf eine Erwerbsminderungsrente.

Seit 2021 ist Jobcoach Ludger Reil Akbuluts Ansprechpartner und unterstützte sie dabei, nach ihrem Umzug von Barßel nach Strücklingen auch weiterhin ihren Arbeitsplatz erreichen zu können. Hier freuen sich die Bewohnerinnen Helga Stolz (84), Helene Pettendrup (74) und Ingrid Klein (88) auf Mezgine Akbuluts heiß servierten Kaffee.

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