Cloppenburg - Vor wenigen Monaten sind Wilfried und Karin Körtzinger zu ihren Kindern an die Ostsee gezogen, nachdem sie 54 Jahre lang in Cloppenburg gelebt hatten. Nun ist Wilfried Körtzinger im Alter von 89 Jahren gestorben, viele Menschen in Cloppenburg trauern um ihn. Seine Art, Kunst auf höchst professionelle, gleichwohl unterhaltsam-charmante Weise zu erklären, wird niemand so bald vergessen. Wo immer vorhanden, brachte er die Fähigkeit des Kunstwerks, Missstände und Ignoranz aufzudecken, ins Spiel – in seiner ansteckenden und zugleich zurückhaltenden Art.
Engagierter Künstler
Denn er selber war ein überaus engagierter Künstler und ein wahrer Kunsterklärer. Über die Zeit hinweg beobachtete er, was in öffentlichen Planungen, Gesellschaft und Wirtschaft oft kurzsichtig beschlossen wurde – Entscheidungen, deren Folgen uns soeben aus allen Richtungen um die Ohren fliegen. Bei ihm hatten immer Umwelt und Belange der Menschen und ihrer Lebenswelt den Vorrang vor Profit und Gier.
Exkursionen
Von Anbeginn der Volkshochschule in 1984 war Körtzinger uns Mentor und unermüdlicher Dozent zu allen Fragen der Kunst, Architektur, Städte- und Landschaftsplanung und vieles mehr. Ganz besonders beliebt waren seine Kunstexkursionen, die von Wien, Berlin, Hamburg, Amsterdam bis hin zu kleineren Künstlerorten führten.
Im Angesicht von Kunstwerken fesselte und überzeugte Körtzinger seine Zuhörenden nicht selten durch einen sokratischen Dialog: Wie der große Philosoph der Antike suchte er das in jedem Menschen steckende verdeckte Wissen um das, was richtig und falsch, gut oder böse ist, ans Tageslicht zu holen, bis ein „Aha, so ist das!“ auf ihren Gesichtern zeigte, dass sie kapiert hatten. Körtzi, wie er von vielen liebevoll genannt wurde, erwiderte dann so aus den Augenwinkeln übers ganze Gesicht strahlend: „Ja, so ist das.“
1933 in Brake geboren studierte Körtzinger nach seiner Lehre als Modelltischler Malerei und Architektur in Bremen und Hamburg. Als Hochbauarchitekt und Stadtplaner in den bauintensiven 1960er Jahren in Bremen hielten die städtischen Planungen seinen Vorstellungen über nachhaltige und menschenwürdige Architektur nicht lange stand. So kam er 1967 als Kunsterzieher und Werklehrer ans Clemens-August-Gymnasium nach Cloppenburg, übernahm später Lehraufträge an niedersächsischen Hochschulen in Kunst- und Werkpädagogik sowie Fotografie.
Doris Ostendorf war von 1984 bis 2016 Leiterin der Volkshochschule für den Landkreis Cloppenburg. Von Anbeginn der VHS im Jahre 1984 an arbeitete sie mit Wilfried Körtzinger, der als Dozent tätig war, zusammen.
Zudem war er ein toller Partner der Erwachsenenbildung – neben der Kunst war sein großes Anliegen immer die Bildung der Menschen. Sein eigenes künstlerisches und graphisches Werk ist vielfältig und aussagekräftig. Wer denkt nicht an seine „Landschaften der wackeren neuen Welt“, die in den 70er/80er Jahren die Augen der Betrachtenden für „eingesargte und krepierte Landschaften“ des Fortschritts öffneten. Oder die wesentlich später durch Körperbemalen entstandenen Kunstfotos junger Menschen, mit denen er den alles übertünchenden Manipulationen der Werbung auf der Spur war.
Wie schön wäre es, wenn der Kunstkreis Cloppenburg in absehbarer Zeit eine Retrospektive von Wilfried Körtzingers Werk präsentieren würde.
