Cloppenburg/Kiel - Gänsehaut bekommt Iris Schnittker immer noch, wenn sie davon erzählt, dass sie einem 7-jährigen Mädchen aus Deutschland wahrscheinlich das Leben gerettet hat. So richtig glauben kann es die 22-Jährige noch immer nicht. Und auch wenn sie stolz ist, als Lebensretterin zu gelten, macht sie aus ihrem Handeln keine große Sache.
Iris Schnittker ist am 18. April Knochenmark entnommen worden und hat damit einem Mädchen, das an Leukämie erkrankt ist, eine neue Chance aufs Leben geschenkt.
Vor rund zwei Jahren war die Cloppenburgerin bei einer Blutspende, die sie regelmäßig besucht. Dort bestand die Möglichkeit, sich als potenzielle Stammzellenspenderin der Deutschen Stammzellenspenderdatei (DSD) eintragen zu lassen. Sie füllte die Dokumente aus und das benötigte Blut wurde quasi bei der Spende auch für die Datei abgezapft. Anfang 2023 trudelte dann ein großes Paket der DSD bei den Schnittkers in Cloppenburg ein. Iris Schnittker absolvierte gerade ein Praktikum im Rettungsdienst, als ihre Mutter ihr ein Foto vom Paket schickte. „In dem Brief stand, dass ich als Spenderin in Frage komme“, erklärt Schnittker noch immer etwas ungläubig.
Kind als Empfänger
Im Paket waren Informationsmaterialen zur Spende, Dokumente und auch einige Röhrchen für Blut, das sich die 22-Jährige beim Hausarzt abnehmen ließ, um es für weitere Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Innerhalb kürzester Zeit stand fest, dass Iris Schnittker weiterhin als Spenderin geeignet ist, weil es sich bei der Empfängerin oder dem Empfänger mit 99 Prozent Übereinstimmung um ihren genetischen Zwilling handelt. Dass die Stammzellenspenden für ein 7-Jähriges Mädchen aus Deutschland gedacht waren, erfuhr sie erst nach der Spende. Stammzellen können entweder aus dem Blut oder aus dem Beckenkamm entnommen werden. Ersteres muss man sich laut Schnittker wie eine längere Blutspende vorstellen. Laut der DKMS sind zehn Prozent der Stammzellenspenden Knochenmarksentnahmen. „Das war in diesem Fall nötig, weil ein Kind meine Stammzellen benötigte“, hat Schnittker erklärt bekommen. Und weil es dem Mädchen offensichtlich sehr schlecht ging, musste alles relativ zügig gehen. Als Krankenhaus wurde die Universitätsklinik Kiel bestimmt, weil im nahegelegenen Hamburg erst im Juni oder Juli ein Termin frei gewesen wäre. „Die DSD hat gesagt, dass das für die Patientin schon zu spät ist“, erzählt die 22-Jährige. In Kiel wurde sie dann gründlich untersucht, wurde aufgeklärt und informiert. Auch stellte sich das Team vor. Sie habe ein gutes Gefühl gehabt, blickt die Cloppenburgerin zurück. Und so wurde der Operationstermin mit dem 18. April festgelegt.
Alle 15 Minuten erhält nach Angaben der Deutschen Stammzellenspenderdatei (DSD) ein Mensch in Deutschland die Diagnose Leukämie. Jedes Jahr erkranken hier etwa 13.000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten wie der Leukämie. Nur einem Teil dieser Erkrankten kann mit Medikamenten geholfen werden. Für viele ist die Transplantation von Knochenmark oder Blutstammzellen gesunder Spender die einzige Chance, die Krankheit zu überwinden. Viele der Erkrankten sind Kinder und Jugendliche, in dieser Altersgruppe gehört Leukämie zu den häufigsten Krebsarten und noch immer sterben Kinder daran. Nur für 30 Prozent der Patienten kommt ein Familienmitglied als Spender in Frage. Leider findet nach Angaben der DSD in Deutschland jeder sechste Patient keinen lebensrettenden Stammzellenspender. In Deutschland gibt es 26 Stammzellenspenderdateien, in die sich potentielle Spender aufnehmen lassen können. Im zentralen Knochenmarkregister Deutschland mit Sitz in Ulm laufen alle Daten aus den Dateien zusammen. Die DSD ist eine der größten Dateien deutschlandweit. Mit ca. 180.000 registrierten Spendern konnte die DSD in den vergangenen 30 Jahren über 2300 Patienten lebensrettende Stammzellen vermitteln.
Nein jederzeit möglich
Drei Tage würde sie im Krankenhaus bleiben, ihre Mutter durfte sie begleiten. Fahrt- und Übernachtungskosten wurden übernommen. „Man konnte jederzeit Nein sagen. Aber zwei Wochen vorher wird der Empfänger mit einer Chemotherapie vorbereitet. Wenn man dann einen Rückzieher macht, ist es für den Patienten quasi das Todesurteil.“
Angst oder Sorgen hatte sie nie, sagt Iris Schnittker. Die Operation selber dauerte rund zweieinhalb Stunden und fand unter Vollnarkose statt. Dabei wurden vier Schnitte von jeweils 0,5 cm am unteren Rücken gemacht. Die Narben sieht man kaum, auch wenn sie stolz auf die Schnitte ist, die zeigen würden, dass die 22-Jährige damit ein Leben gerettet hat. Komplikationen gab es im Anschluss nicht. Sie beschreibt den Zustand als leichten Muskelkater mit blauen Flecken. Schonen war danach trotzdem angesagt. Ebenso musste die Cloppenburgerin Eisentabletten nehmen, damit sich das Blut gut nachbildet. Wie es dem Mädchen geht, erfährt die Spenderin über die DSD hoffentlich in den nächsten Tagen. Sie hat der Familie auch schon einen Brief geschrieben und würde sich natürlich über eine Antwort freuen. In zwei Jahren könnte es ein persönliches Treffen geben, wenn alle einverstanden sind. Das wäre für Iris Schnittker dann sicherlich der nächste Gänsehaut-Moment.
