Garrel - Die Böseler Goldschmaus in Garrel sagt auch in der jetzigen Krise und trotz der Personalengpässe seinen Landwirten und Erzeugergemeinschaft zu, die Schlachtschweine wie vereinbart abzunehmen. In der vorigen Woche schien das Versprechen gefährdet. Ein technischer Defekt, das Schlachtband stand still. Doch der Defekt war schnell behoben. Bilanz am Abend: Nur 300 Schweine weniger als üblich und genehmigt geschlachtet. Eine weitere schlechte Nachricht wäre den Schweinemästern sicherlich auf den Magen geschlagen.
Nicht alle Schlachtereien der Region erfüllen ihr Zusagen. Da streiken Arbeiter, weil ihnen der Lohn aus dem früheren Werkvertragsverhältnis vorenthalten wird, da kommen Rumänen und Polen nicht aus dem Urlaub zurück. Ganze Schichten fallen aus. Und in Sögel wird die Schlachtkapazität auf die Hälfte und 10 000 Schweine – wenn überhaupt – reduziert, weil 81 Mitarbeiter Corona-infiziert sind.
Von Papenburg bis Damme sind sich genossenschaftlich organisierte Tiervermarkter und private Viehhändler einig: Der Schweinestau ist weit dramatischer als im Sommer. Abzüge für zu fette Schweine gibt es zwar nicht mehr, aber der Abfluss aus den Ställen stockt wie noch nie.
Mitte Juni musste der größte deutsche Schlachthof, Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, dichtmachen, weil sich dort die Corona-Fälle gehäuft hatten. Die Zerlegekapazitäten fehlten; 80 Prozent der Schlachtsauen werden in Deutschland bei Tönnies zerlegt. Die restlichen Schlachthaken reichten hinten und vorne nicht; Schweine konnten nicht abgeliefert werden und wurden immer fetter.
Ab August sollte dann der Stau abgebaut werden. Das glückte nur bedingt, denn auch andere Schlachtereien hatten jetzt Personalprobleme. Die Werkvertragsarbeiter aus Polen, Ungarn oder Rumänien kamen aus dem Urlaub nicht oder infiziert zurück. Ganze Schichten fielen aus.
So wurden bis in den September hinein Rückstände nicht abgebaut. Bis dann auch noch die Afrikanische Schweinepest (ASP) in Brandenburg ausbrach und die Nöte erhöhte. Der Preis sackte auf 1,27 Euro/kg – pro Schlachtschwein ist das innerhalb eines halben Jahres ein Verlust von 70 Euro – bzw. gar auf 61 Cent/kg bei den Schlachtsauen von zuvor 1,61 Euro/kg. Ferkel/25 kg kosteten im März 83 Euro; jetzt sind sie mit 27 Euro billiger als ein Kaninchen.
Der Export nach China ist nicht mehr gestattet, weil ein dazu nötiges Regionalisierungsabkommen nicht abgeschlossen wurde. Zudem ging der Verbrauch von Schweinefleisch deutlich zurück.
Die Schlachter melden jetzt wöchentlich eine Kapazität von rund 850 000 Schweinen. Einst waren bis zu 1,1 Millionen Schweine in der Woche geschlachtet worden. Aber die Personalprobleme häufen sich, so dass sich im September Woche für Woche der Stau in den Ställen erhöhte.
„Wir liegen auf dem OP-Tisch“, meint Bernd Terhalle, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft (EZG) Hümmling in Lorup. Täglich müsse umdisponiert werden, und dann gebe es erneut neue Order von den Schlachtereien. Wenn sich die Probleme nicht kurzfristig lösen, befürchtet er innerhalb eines Jahres einen „Strukturbruch“.
Ähnlich sieht das Christoph Hüsing, Geschäftsführer der EZG Oldenburger Münsterland in Bakum. „Wir wissen nicht mehr, wohin mit den Schweinen“, meint er. Dabei sei die Menge der schlachtreifen Tiere deutlich geringer als vor Monaten. Die Schweinemäster nehmen nach wie vor Ferkel zur Mast, aber oft fehle der Platz, weil die Lieferung zu den Schlachtereien stocke.
Jürgen Wendt, Geschäftsführer der gleichnamigen Viehhandelsgesellschaft in Löningen, sieht wie die Kollegen den derzeitigen Schweinestau dramatischer als im Sommer. Fast jede Schlachterei melde Engpässe.
Die Schweinemäster und auch die Vermarkter fordern ein staatliches Eingreifen. Und warum, so fragen die Bauern voller Sorgen, durfte am letzten Samstag, am Tag der deutschen Einheit, in Nordrhein-Westfalen geschlachtet werden, hier aber nicht?
Der Raiffeisenverband sieht die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Folgen des Ausbruchs der ASP bei Wildschweinen schon als „toxische Mischung“. Präsident Franz-Josef Holzenkamp: „Die Schlachtgewichte der Schweine steigen jede Woche, und es ist nicht absehbar, dass sich die Situation in den kommenden Wochen entschärfen könnte.“ In der Folge wird es immer schwieriger, Ferkel zu vermarkten, da die Mäster immer weniger bereit oder in der Lage sind, neue Tiere einzustallen. Die Schlachtschweine können nur mit großer Verzögerung abgenommen werden und bleiben somit länger im Stall und wachsen weiter. „Dies kann nicht im Sinne des Tierschutzes sein, aber die Politik scheint das sich verschärfende Problem auf der Erzeuger- und Vermarkterstufe noch gar nicht zu kennen“, so Präsident Holzenkamp, einst selbst für die CDU im Bundestag, aber auch Schweinemäster in Emstek.
„Es muss alles getan werden, damit es nicht zum Infarkt der Lieferkette kommt“, meint Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Damme. In den Ministerien sei die Brisanz der Situation bekannt, „aber ist es das auch auf der Ebene der nachgelagerten Behörden?“. Es müssten jetzt alle Register gezogen werden, „um das Schlimmste zu verhindern“.
