Dr. Sebastian Kreienborg (41) ist Leitender Oberarzt der Gefäßchirurgie am Cloppenburger St.-Josefs-Hospital. Zum 1. November wechselt er offenbar ans Bundeswehrkrankenhaus in Westerstede.
Herr Dr. Kreienborg, bislang konnten Sie mit dem Rad zur Arbeit fahren, bald sitzen Sie 40 Minuten für eine Strecke im Auto. Wo liegt denn da bitteschön die Verbesserung?
KreienborgNach meiner aktiven – mich prägenden – Bundeswehrzeit von Juli 2000 bis Mai 2002 in Ahlhorn habe ich die Bundeswehr nie ganz aus den Augen verloren und mich daher 2012 entschlossen, als Sanitätsoffizier der Reserve zur Bundeswehr zurückzukehren und bin nun seit Jahren als Oberfeldarzt der Reserve im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz in der Herz- und Gefäßchirurgie beordert. Damit verbunden sind regelmäßige Reservedienstleistungen, die ich dort bis zur Coronapandemie einmal im Jahr abgeleistet habe. Daher wäre das für mich heimatnahe Bundeswehrkrankenhaus Westerstede ein absolut logischer Schritt und nur folgerichtig.
Meines Wissen nach sind Sie als Arzt der letzte gebürtige Cloppenburger am St.-Josefs-Hospital: „Als echter Cloppenburger liegt ihm die Zukunft seiner beruflichen und familiären Heimat sehr am Herzen“, so wurden Sie auf der CDU-Facebookseite als Stadtratskandidat für die Wahl im September 2021 vorgestellt: Hat das Heimatgefühl in Sachen Beruf inzwischen ein wenig nachgelassen?
KreienborgIch weiß nicht, wie der Werdegang als Redakteur ist und ob die ausschließliche Tätigkeit bei einer einzigen Zeitung genügt, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Als Arzt gehört es dazu, in der Weiterbildung und nach der Facharztprüfung die Krankenhäuser zu wechseln. Nicht zuletzt auch, weil man im Karriereplan den nächsten Schritt machen möchte und deshalb bereit sein muss, den „freien“ Stellen hinterher zu ziehen. Ich habe meine komplette Weiterbildungszeit am St.-Josefs-Hospital verbracht und bin hier auch Oberarzt und Anfang 2019 leitender Oberarzt geworden. Ende September 2022 bin ich dann gut 14 Jahre im Haus. Ich bin dem Haus und meinem Chef Dr. Klonek dankbar für die Möglichkeiten, die mir geboten wurden. Aber nun bin ich an einem Punkt in meiner beruflichen Karriere, wo neben dem Erwerb der fachlichen Kompetenz auch andere Fähigkeiten gefragt sind: unter anderem Organisation der internen Abläufe, Personalführung und -entwicklung, Dienstplangestaltung, Zusammenarbeit mit anderen Fachabteilungen und Berufsgruppen, das Bürokratiemonster DRG-System, MDK-Anfragen, Gutachten, etc. So entwickelt jedes Krankenhaus eine eigene Kultur und andere Wege und Vorgehensweisen. Dies kann man nur kennenlernen, wenn man das Haus wechselt und so von anderen lernt. Ich bin total gespannt, welche neuen Dinge ich sehe und vielleicht zukünftig in einer anderen Position für mich nutzen kann. Westerstede als eine Option war auch deshalb logisch, weil es meiner Familie und mir ermöglicht, hier in Cloppenburg zu bleiben. Ich bin hier aufgewachsen, meine Familie ist hier zu Hause, die Kinder gehen hier zur Schule beziehungsweise in den Kindergarten, und ich will mich auch weiterhin in der Kommunalpolitik engagieren. Daher kam ein Wohnortwechsel für uns nicht in Frage.
Ist Ihre Kündigung der persönlichen Karriereplanung geschuldet, oder hat Ihre Entscheidung auch mit den jüngsten Entwicklungen am Cloppenburger Hospital – Orthopädie, Kardiologie, Geburtshilfe – zu tun?
KreienborgIch verstehe ehrlich gesagt die Frage nicht. Wenn bei „meinem“ FC Bayern drei Spieler den Verein wechseln und anschließend auch ein Spieler Borussia Dortmund verlässt – hat das etwas miteinander zu tun? Ich bin Leitender Oberarzt der Gefäßchirurgie. Weder fachlich, noch organisatorisch habe ich direkt etwas mit der Geburtshilfe, Orthopädie oder Kardiologie zu tun. Es besteht also überhaupt kein Zusammenhang. Selbstverständlich sehe ich, dass die aktuelle Situation angespannt und unruhig ist. Aber das hat nichts mit meinem Weggang zu tun. Und man sagt ja nicht zu Unrecht, dass man sich im Leben immer zweimal sieht. Wer weiß, vielleicht komme ich ja wieder. Cloppenburg war und ist wie gesagt meine Heimat und wird es auch bleiben.
Ändert sich Ihr Tätigkeitsfeld am neuen Arbeitsplatz?
KreienborgSelbstverständlich. Sonst müsste ich ja keine neue Herausforderung suchen. Aber ich werde auch dort als Oberarzt tätig sein.
Wo liegen der besondere Reiz und die Vorteile, an einem Bundeswehrkrankenhaus zu arbeiten?
KreienborgDer Vorteil ist, dass ich die Bundeswehr durch meinen Reservistenstatus schon recht gut kenne und nicht völlig fremd bin. Andererseits hat die Bundeswehr eine klar definierte Organisationsstruktur, die man sicher nicht 1:1 auf ein „normales“ Krankenhaus übertragen kann, aber trotzdem Teile davon nutzbar wären. Von einer längeren Reservedienstleistung dort erhoffe ich mir die tiefen Einblicke, die erforderlich sind, um die Vor- und Nachteile zu prüfen und etwas für die Zukunft mitzunehmen.
Sie haben Familie, ein politisches Ehrenamt: Fürchten Sie nicht, durch die Fahrzeiten dafür demnächst viel weniger Zeit zu haben?
KreienborgIch glaube, Sie unterschätzen die zeitliche Inanspruchnahme der Position eines Leitenden Oberarztes in einem relativ kleinen Krankenhaus wie Cloppenburg. Die Dienstbelastung ist schon recht hoch, und die Aufgaben in der Weiterbildung der Assistenten und zunehmend auch administrative Fragestellungen erfordern ebenfalls viel Zeit. Eine „40 Stunden-Woche“ kommt bei mir jedenfalls sicher nicht heraus. Insofern wird die Fahrzeit nach Westerstede schon durch die geringere Anzahl an Bereitschaftsdiensten und den Wegfall einiger der oben genannten Aufgaben kompensiert.
Wie beurteilen Sie die Situation am St.-Josefs-Hospital im Allgemeinen?
KreienborgAlle Krankenhäuser in Deutschland – und insbesondere die eher kleineren unter ihnen – haben seit Jahren zu kämpfen. Investitions- und Modernisierungsstau, Unterfinanzierung, fehlende Fachkräfte – übrigens auf allen Ebenen – und teilweise unattraktive Arbeitszeiten- und Vergütungsmodelle sind bekannte Probleme. Hinzu kam in den letzten zwei Jahren die Pandemie mit hohem Krankenstand und noch höherer Arbeitsbelastung. Dass ländliche Krankenhäuser mit ihrem Standortnachteil zu kämpfen haben, ist auch ein offenes Geheimnis. Für mich als „Bether Junge“ zwar völlig unverständlich, hat für die ärztlichen Kollegen eine Metropole wie Hamburg einen doch deutlich größeren Reiz als Cloppenburg. Daher hat natürlich das St.-Josefs-Hospital zu kämpfen. Genau wie alle anderen kleineren Häuser außerhalb der großen Ballungsräume. Aber ich habe keinerlei Sorgen, dass Probleme nicht in den Griff bekommen werden können. Die aktuelle Diskussion zeigt doch deutlich, dass die Bevölkerung an ihrem Krankenhaus interessiert ist und deshalb die Probleme öffentlich besprochen werden. Aber Worte allein genügen eben auch nicht. Wenn das Krankenhaus bestehen bleiben soll und wirklich den Menschen wichtig ist, dann sollte auch die Inanspruchnahme vorhanden sein. Die Wichtigkeit der wohnortnahen Versorgung zu betonen und zu fordern, aber im Bedarfsfall 50 Kilometer zu einem anderen Krankenhaus zu fahren, passt aus meiner Sicht nicht zusammen. Übrigens kann ich Ihnen versichern, dass auch die scheinbar viel besseren Häuser in größeren Städten nur mit Wasser kochen. In Cloppenburg ist man als Patient keine Nummer, sondern ein Nachbar, Bekannter oder Freund. Denn man wird von Menschen aus der Region behandelt. Das sollte man nicht unterschätzen.
