Saterland/Bad Lauterberg - Intensiv, schmutzig und sehr hart – mit diesen Worten konnte man den Bürgermeisterwahlkampf 2017/2018 in der Gemeinde Saterland bezeichnen. Nachdem der Amtsinhaber Hubert Frye (CDU) im August 2017 vorzeitig wegen gesundheitlicher Probleme sein Amt aufgab, suchte die kleinste Sprachinsel Europas einen neuen Rathaus-Chef. Dabei rumorte es ordentlich – es gab unter anderem gefälschte E-Mails, die gezielt den CDU-Kandidaten diffamieren sollten. Weitaus gravierender war aber die Tatsache, dass die UWG (Unabhängige Wählergemeinschaft) mit Heinrich Müller einen Kandidaten aufstellte, der dem Reichsbürger-Milieu nahe stand. Damals wurde dies durch Recherchen unserer Zeitung bekannt. Die Folge: Die UWG entsagte die Unterstützung, Müller zog seine Kandidatur zurück. Es wurde danach schnell still um ihn. Bis jetzt: Müller ist im Harz wieder aufgetaucht.
Spur aus Bad Lauterberg
Recherchen des Harz-Kurier aus Osterode haben aufgedeckt, dass Heinrich Müller wohl immer noch im Auftrag des „Königreich Deutschland“ (siehe Infobox) unterwegs ist, obwohl er schon 2018 im Gespräch mit unserer Zeitung behauptete, seit zwei Jahren nichts mehr mit dem selbsternannten Königreich um „Herrscher“ Peter Fitzek zu tun zu haben. In Bad Lauterberg im Harz hat Ute K., die während des Wahlkampfs im Saterland als Lebensgefährtin von Heinrich Müller auftrat, das alte Kurhotel am Wiesenbeker Teich gekauft. Auch sie wird zum Umfeld von „König“ Peter Fitzek gerechnet.
Laut Bundesamt für Verfassungsschutz ist das „Königreich Deutschland“ (KRD) ein Fantasiestaat, der 2012 vom gelernten Koch Peter Fitzek in Wittenberg „gegründet“ wurde. Der Gründer des KRD hatte sich in einem bizzaren „Staatsgründungsakt“ zum „Obersten Souverän“ ernennen lassen. Das KRD hat sich – der Überzeugung folgend, einen „völkerrechtskonformen neuen Staat“ gegründet zu haben – auch eine eigene „Verfassung“ gegeben. In dieser heißt es, das KRD vereine „die Formen einer direkten aufsteigenden Demokratie in der Organisationsform einer Räterepublik mit einer konstitutionellen Wahlmonarchie“. Das KRD hat starke esoterische Elemente und wird der Reichsbürger-Szene zugeordnet
Peter Fitzek wurde bereits zu mehreren Freiheitsstrafen verurteilt, unter anderem wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis (er hatte sich einen eigenen Führerschein ausstellen lassen) und illegaler Versicherungsgeschäfte. Sein „Königreich Deutschland“ hatte sich ebenfalls eine eigene Bank gegründet. Gegen Fitzek wurden daraufhin wegen unerlaubter Einlagengeschäfte von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Zwangsgelder verhängt.
In „Gemeinwohldörfern“ sollen autarke Strukturen entwickelt werden. Geplant ist die Entstehung von Wohn-, Gemeinschafts-, Arbeits- sowie Gästebereichen. So ist es geplant, in den Räumlichkeiten zukünftig Seminare, wie etwa die „Systemausstiegsseminare“ anzubieten. Im Rahmen dieser Seminare werden nach Angaben des KRD vermeintlich „legale Ausstiegskonzepte aus dem destruktiven ‚System Bundesrepublik‘ vermittelt“.
Der aktuelle Auftrag ihrer „Majestät“: Immobilien kaufen. Meistens sind es alte Gebäude in abgelegenen Gegenden mit viel Land, bei denen sich die Verkäufer freuen, diese schwierigen Gebäude loszuwerden. Da passt das alte Kurhotel im Harz, das seit Ende der 90er Jahre verlassen ist, perfekt ins Bild. Erst im Mai 2022 zeigte eine Reportage von Spiegel-TV, wie Peter Fitzek sich das Wolfsgrüner Schlösschen im Erzgebirge zu eigen machte.
Video online
Was Ute K. zusammen mit Heinrich Müller im Harz vor hat, hat sie auch schon vor laufender Kamera berichtet. Der Youtuber „Tacco“, der eigentlich Marco L. heißt, ist ein sogenannter „Urban Explorer“. Dabei geht es darum, verlassene Gebäude und „Lost Places“ auf eigene Gefahr zu erkunden. Dabei kam er auch in das verlassene Kurhotel, übernachtete dort und wurde prompt von der Polizei dort herausgeführt. Denn zu diesem Zeitpunkt gehörte die Immobile in bester Lage bereits Ute K. Als Wiedergutmachung für sein Eindringen engagierte der Youtuber seine ganze Community, um der Besitzerin beim Ausräumen des Hotelkomplexes zu helfen und lud im Anschluss das entsprechende Video hoch. „Ich habe die Vision, dass das hier ein Gesundheits- oder Seminarhaus werden könnte“, sagt K. in dem Video. Sie spricht von Wanderungen, Urlaub und von Leberreinigung. Zum Abschied umarmt sie den Youtuber noch.
Auf Anfragen des Harz-Kurier antworteten Ute K., Heinrich Müller und das „Königreich Deutschland“ nicht. Doch die Verbindungen von Ute K. zur Reichsbürgerszene sind nicht schwer zu finden. K. fungierte als Schatzmeisterin des „Konvents zur Reformation Deutschlands“, einer Mini-Partei aus dem Umfeld Peter Fitzek. Diese wollte sogar 2017 zur Bundestagswahl antreten, wurde aber nicht zugelassen. Außerdem soll sie laut Harz-Kurier als Buchhalterin für den Verein „FairTeilen“ agiert haben, den der hessische Verfassungsschutz als Tarnorganisation zum Immobilienkauf für das Königreich Deutschland bezeichnet.
In Friesoythe geboren
Nachdem 2018 Müllers Nähe zu den Reichsbürgern durch unsere Redaktion aufgedeckt wurde, behauptete der in Friesoythe geborene und in Sedelsberg aufgewachsene Mann selbst, seit zwei Jahren mit dem „Königreich Deutschland“ abgeschlossen zu haben. Durch NWZ-Recherchen wurde schnell klar, dass er aber zum Beispiel beim Hafenfestlauf 2017 noch darauf bestanden hat, mit dem Vereinstitel „Königreich Deutschland“ in die Wertung mit aufgenommen zu werden. Die neuesten Entwicklungen aus dem Harz verstärken jetzt den Verdacht, dass Müller immer noch im Auftrag seiner „Majestät“ unterwegs ist.
