Cloppenburg - Gegen eine einseitige und überfordernde Belastung einzelner Regionen beim Ausbau des Stromnetzes hat sich am Montagabend Cloppenburgs Bürgermeister Neidhard Varnhorn (CDU) ausgesprochen. Anlass bot ihm eine Infoveranstaltung des Bürgerdialogs Stromnetz in der Cloppenburger Stadthalle. Die Stadt sei bereit, einen ausgewogenen Ausbau von Stromnetzen zu unterstützen. Großes Anliegen sei aber, dass die Belange der Bürger, der Eigentümer, der Landwirtschaft und der jeweiligen Kommune bei den Planungen und der Umsetzung des Stromnetzausbaus Berücksichtigung fänden.
Cloppenburg sei bereits stark vom Stromnetzausbau betroffen. Mit der 380-kV-Leitung und Trassen wie Balwin 1 und 3 werde Cloppenburg mehr und mehr zum Drehkreuz des Netzausbaus. „Es ist also durchaus verständlich, dass die Landwirte vor Ort Bedenken hinsichtlich ihrer betrieblichen Erweiterung und ihrer Flächenerträge haben“, so Varnhorn weiter. Diese Bedenken müssten ernst genommen und möglichst im Dialog ausgeräumt werden.
Drittel in Niedersachsen
Dass das Verhältnis von Stromleitungsbau und Landwirtschaft durchaus „spannungsreich“ ist, bestätigte Alexander Kasten, Geschäftsführer beim Niedersächsischen Landvolk im Kreisverband Rotenburg-Verden. Denn 95 Prozent der für den Leitungsbau erforderlichen Flächen seien land- und forstwirtschaftlich genutzt. Laut Kasten sind im Bundesbedarfsplangesetz 99 Stromleitungsbauvorhaben vorgesehen. In Niedersachsen soll ein Drittel aller Höchstspannungsvorhaben in Deutschland entstehen, davon elf Erdkabelleitungen. Kasten bezog sich auf Daten des Bundeslandwirtschaftsministeriums, nach denen sich Böden als Ergebnis langer physikalischer, chemischer und biologischer Vorgänge entwickelt hätten. Im Schnitt dauere es 100 Jahre, bis ein Zentimeter Boden entstanden sei. Bodenverdichtungen und Versauerungen beeinträchtigten die Bodenfunktionen und reduzierten die Fruchtbarkeit und Produktivität.
Beim Erdleitungsbau sei der Boden wesentlich stärker betroffen als beim Freileitungsbau. Abgrabung, Grundwasserabsenkung, Versiegelung, Bodenverdichtung, Bodenumlagerung und Einbringen von Fremdmaterial könnten das Bodengefüge und den Bodenwasserhaushalt temporär, aber auch dauerhaft beeinträchtigen, zitierte Kasten aus dem Rahmenpapier Bodenschutz bei Stromnetzausbau der Bundesnetzagentur. Laut Kasten seien enge Absprachen mit den Flächeneigentümern notwendig. Der Trassenbau müsse bodenkundlich begleitet werden. Schadensersatzregelungen seien notwendig, um die fehlende Betriebserfahrung mit solchen Äckern auszugleichen.
Konkrete Infos fehlen
Sven Grollius von der Unteren Bodenschutzbehörde des Landkreises Cloppenburg informierte über die Analyse und Bewertung der Boden- und Standortverhältnisse beim Stromnetzausbau, die auch Bohrungen vorsehe. Eine entscheidende Frage sei, wie belastbar Baustraßen und Flächen etwa für Maschinen sind. Der optimale Wassergehalt für die Verdichtungsqualität muss dafür ermittelt werden.
Informationen über den konkreten Verlauf der Balwin-Trasse fehlten einem Landwirt-Ehepaar aus Stapelfeld. Auch die Frage des Schadensersatzes sei kein Thema gewesen. Ihr Betrieb sei gleich mehrfach betroffen: nicht nur durch den Bau von Stromtrassen, sondern auch durch den geplanten Ausbau der E 233 und schon früher durch den Bau von Erdgas-Leitungen, wie sie im Gespräch berichteten.
