Friesoythe - Die Tatzeit kann Pferdehalterin Melanie Kösters vom Heidehof relativ genau eingrenzen: Am Mittwoch zwischen 11 und 15 Uhr – also am hellen Tage – hat sehr wahrscheinlich ein Wolf ein Oldenburger Hengstfohlen angegriffen. Zuvor hatte Kösters noch nach den Pferden auf der Weide neben Pferdestall und Reitplatz geschaut. Gegen 15 Uhr waren die ersten Reiter auf dem Reitplatz. Da fiel auf, dass das Fohlen verletzt war.
Biss- und Krallenspuren
Weil das Fell des kleinen Hengstes so dunkel ist, konnte Kösters zunächst das Ausmaß der Verletzungen nicht erkennen. Sie holte eine Taschenlampe. „Als ich die Wunde am Hals gesehen habe, wusste ich was passiert war“, sagt Melanie Kösters. Sie fand Biss- und Krallenspuren am Hals, an den Beinen, an der Flanke und an der Bauchunterseite des Fohlens. Die Bisse sind bis zu zweieinhalb Zentimeter tief.
Kösters rief den Wolfsberater Hermann Wreesmann an, der eine DNS-Probe nahm, bevor der Tierarzt die Wunden versorgte. Andernfalls wären die Beweise zerstört worden. Das fünf Monate alte Fohlen, dessen Mutter vor einigen Wochen gestorben ist, ist gegen eine Tetanus-Infektion geimpft, bekommt aber nun rund eine Woche Antibiotika, um auch andere Infektionen zu verhindern. „Ich habe nichts gegen den Wolf. Aber wir müssen den Bestand reduzieren. Dies ist ein zu dicht besiedeltes Gebiet“, sagt Kösters.
„Ich habe auch keine andere Erklärung als dass es ein Wolf gewesen sein könnte“, sagt Wreesmann. Andere Erklärungen, wie sich das Fohlen verletzt haben könnte – ein zu hartes Kabbeln unter Pferden oder eine Verletzung durch Stacheldraht – seien ausgeschlossen. „Hunde würden nicht so systematisch vorgehen. Der Wolf geht professionell vor.“ Die letzte Sicherheit werde die DNS-Probe geben, die er an das Wolfsbüro geschickt habe.
„Neu für den Kreis ist, dass es a) ein Angriff auf ein Pferd und b) ein Angriff tagsüber war“, so Wreesmann. Pferde und Rinder seien eigentlich wegen ihrer Größe vor Wölfen sicher. Auch das fünf Monate alte Fohlen, das sicher 100 bis 120 Kilogramm wiege, sei eine zu große Beute für einen Wolf. „Das Fohlen wäre auch verteidigt worden von seiner Stute, aber es ist Waise. Der Wolf hat sich genau das richtige Tier rausgesucht – aus seiner Sicht.“
Einzelgänger
Wreesmann geht von einem „Einzeltäter“ aus. Dass der Angriff auf das Konto von mehreren Wölfe geht, glaubt er nicht. Das nächste bekannte Rudel sei in der Nähe von Werlte beheimatet, dort gebe es gerade Welpen. „Die sind so klein, dass die Elterntiere nicht in einem Radius von 25 Kilometern unterwegs sind, eher von zehn Kilometern.“ Es sei daher wahrscheinlicher, dass es sich um ein noch unerfahrenes Tier handelt, das 2019 geboren wurde und nun dabei ist, sich vom Rudel abzulösen. Das passiere in der Regel im Alter von 12 bis 20 Monaten. Dann gingen Wölfe auf Wanderschaft, die 500 manchmal sogar 1000 Kilometer weit sein könnte, um ein eigenes Revier zu finden.
