Friesoythe - Die extrem schwierige wirtschaftliche Lage in den 1920er-Jahren macht auch um das Oldenburger Münsterland keinen Bogen. Die Preise steigen, das Geld vieler Sparer wird wertlos. So konnte man ein einfaches Doppelhaus vor dem Ersten Weltkrieg noch für 8000 bis 10.000 Mark errichten. Im Frühjahr 1922 benötigt man schon rund 360.000 Mark, was sich kaum ein Normalbürger leisten kann. Im November 1923 ist die Hyperinflation auf ihrem Höhepunkt. Kleinanzeigen in den Zeitungen zeigen: Wer kann, tauscht. Ein Rind gegen Getreide, Weißkohl gegen Kartoffeln, „vertausche wertbeständig“, heißt es, wenn der Anbieter offen ist für die Tauschwaren. Gold ist noch was wert, Geld nichts: „Garnierte Filzhüte ab 2 Goldmark“.

100 Jahre wird die Thülsfelder Talsperre: Sie dient dem Hochwasserschutz, ist aber auch Naturschutzgebiet und Touristenmagnet.

100 JAHRE THÜLSFELDER TALSPERRE Ein Jahrhundertprojekt gegen Massenarbeitslosigkeit und „Wasserkalamitäten“

Eva Dahlmann-Aulike
Thülsfelde

„Ich habe jahrelang in Gold dem Staate für Angestellten- und Invalidenrente bezahlt“, schreibt eine verzweifelte „hungernde Rentnerin“ in einem Leserbrief in den Nachrichten für Stadt und Land. Ihr Name wird nicht genannt. „Heute wird jede Zahlung in Goldwert verlangt, aber ich bekomme vom Staate nur wertloses Papier“, schreibt sie weiter. Für die immer größeren Summen, die auf den nur noch einseitig bedruckten Geldscheinen abgebildet werden, kann man kaum etwas kaufen. Es sei „grausam und ungerecht“, die Rentner so zu behandeln. Es gibt offenbar Menschen, die erhalten wertvollere Gutscheine als Rente: „Weshalb gibt er (der Staat) für Beamtenwitwen Roggenscheine, für die vier- bis fünfmal mehr gekauft werden kann, und uns Rentnern elendes Papier?“

Wer Geld in die Hände bekommt, gibt es am besten sofort aus. Das zeigt sich auch, als im Frühjahr eine Hochspannungsleitung ins Amt Friesoythe gezogen werden soll. Wer Strom in seine Wohngegend haben will, schließt sich einer Elektrizitätsgenossenschaft an. Als im August die ersten Masten gesetzt werden, hat man besser schon das Material gekauft: „den was heute gekauft wird an Material für den Bau, das ist morgen billig, weil es sich um Wertgegenstände handelt“, schreiben die Nachrichten für Stadt und Land. Auf derselben Zeitungsseite kündigt der Verlag eine Preissteigerung für das eigene Druckerzeugnis an. Nicht nur Papier und Druckerschwärze seien sehr viel teurer geworden: „Während der Lohn eines Buchdruckergehilfen in der ersten Augustwoche noch knapp 1 Million betrug, stieg er in der letzten Woche auf 5 Millionen und beträgt heute in der Spitze 12,6 Millionen pro Woche“.

Schubkarrenweise fuhren die Menschen 1923 ihr wertloses Geld zum Einkaufen.

HYPERINFLATION 1923 IM NORDWESTEN Als die Zeitung 100 Milliarden Mark kostete

Svenja Fleig
Im Nordwesten

Während im Oldenburger Münsterland noch viele Menschen von der Landwirtschaft leben und daher zumindest nicht hungern müssen, sieht es im Raum Wilhelmshaven ganz anders aus. Dort sind viele Soldaten und Werftarbeiter nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitslos und können ihre Familien kaum ernähren. Sie stellen die Mehrheit der Notstandsarbeiter, die beim Bau der Thülsfelder Talsperre zum Einsatz kommen.

Interview
„Die Hyperinflation von 1923 wird nach wie vor als ein Schreckgespenst benutzt, mit dem sich drohen lässt“, sagt der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Hans-Michael Trautwein.

100 JAHRE HYPERINFLATION Warum sich 1923 und 2023 nicht vergleichen lassen

Svenja Fleig
Eva Dahlmann-Aulike
Eva Dahlmann-Aulike Redaktion Münsterland