Hochbegabte haben einen Intelligenzquotienten von mindestens 130. Sie machen laut Statistik nur rund drei Prozent der Weltbevölkerung aus. Aber viele Menschen wissen gar nichts von ihrer Hochbegabung, bis sie es durch einen IQ-Test Schwarz auf Weiß bescheinigt bekommen. Tatsächlich können aber bereits Kleinkinder Auffälligkeiten zeigen, die auf eine Hochbegabung hinweisen. Nicole Bienert aus Oldenburg hat jahrelang in Cloppenburg eine Selbsthilfegruppe für Eltern hochbegabter Kinder geleitet, berät auch heute noch und weiß um typische Verhaltensweisen und Fördermöglichkeiten.

Frau Bienert, immer mehr Eltern mit Kleinkindern wenden sich an Sie. Ab welchem Alter kann überhaupt Intelligenz getestet werden?

BienertDie Intelligenz zu testen, ist ab einem Alter von zweieinhalb Jahren möglich. Intelligenztests im Rahmen der Hochbegabungsdiagnostik sind ab fünf Jahren sinnvoll. Allerdings sollte man nur in eine Testung gehen, wenn das Kind an dem Tag gut aufgestellt ist. Ansonsten kann dies zu falschen Ergebnissen führen.

Nicole Bienert aus Oldenburg

Nicole Bienert aus Oldenburg

Können Eltern auch ohne Test erkennen, ob das eigene Kind hochbegabt ist?

BienertEs ist möglich, dass hochbegabte Kinder bereits das Krabbeln überspringen, sich direkt hinsetzen und aufstehen können. Sie zeigen schon im Kleinkindalter ein großes Interesse an Zahlen und Symbolen und benötigen nur wenig Schlaf. Weitere Merkmale sind ein gutes Gedächtnis und andere Zeitabläufe. Hochbegabte Kleinkinder kann man außerdem an ihrer hohen Sensibilität, Reizoffenheit und dem regelrechten Aufsaugen von Wissen erkennen. Sie können ab zwei Jahren oft schon ganze Sätze sprechen. Sie fühlen sich anders und wählen beim Thema Anpassung lieber die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

Zur Person

Nicole Bienert aus Oldenburg ist 2010 der Selbsthilfegruppe für Eltern hochbegabter Kinder beigetreten, die in dem Jahr von Katharina Wagner ins Leben gerufen worden war. 2013 übernahm Nicole Bienert dann die Gruppenleitung und die Mitglieder trafen sich einmal im Monat in den Räumen der katholischen Erwachsenenbildung Cloppenburg. Sie kamen nicht nur aus dem gesamten Landkreis Cloppenburg, sondern unter anderem auch aus Oldenburg und umliegenden Ortschaften. Mittlerweile gibt es die Gruppe nicht mehr. Dennoch steht die 53-Jährige, die selbst Mutter zweier hochbegabter Kinder (eines davon getestet) ist, den Mitgliedern weiterhin beratend zur Seite. Gerne dürfen sich weitere Eltern mit Fragen an sie wenden per E-Mail an: hochbegabung-elternkreis@web.de.

Eltern, die vermuten, dass ihr Kind hochbegabt ist, finden unter anderem Hilfe auf der Homepage des Begabtenzentrums unter www.begabtenzentrum.de oder beim Karg Fachportal Hochbegabung unter www.fachportal-hochbegabung.de.

Wie ist das bei älteren Kindern, die schon die Grundschule besuchen?

BienertSie klagen oft über Langeweile, zeigen ein nachhaltiges Interesse in unterschiedlichen Bereichen und brauchen immer Input. Einfache Dinge gestalten sich für sie schwierig. Sie denken kompliziert und haben ungewöhnliche Lösungsstrategien. Interessiert ein hochbegabtes Kind etwas nicht, kann es zur Verweigerung kommen. Sie sind gleichaltrigen Kindern gedanklich weit voraus, emotional aber nicht. Das wird oft vergessen. Mündliche Mitarbeit und Gruppenarbeit werden von ihnen als anstrengend empfunden. Es kann sein, dass sie Lehrer korrigieren. Meist mangelt es hochbegabten Kinder an Sozialkontakten mit Gleichaltrigen. Und oft wissen Lehrer nicht, wie sie diese Kinder noch weiter fördern können. Dann werden Klassen übersprungen.

Was kann passieren, wenn Hochbegabung nicht erkannt und gefördert wird?

BienertDie Kinder können Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, was im Extremfall dazu führen kann, dass sie auf die Förderschule wechseln müssen. Im Alter können sich Stresssymptome entwickeln. Daher ist es wichtig, immer an der emotionalen Intelligenz zu arbeiten.

Wie können Eltern denn hochbegabte Kinder fördern?

BienertDie größte Herausforderung ist die Isolation. Darum brauchen diese Kinder nachhaltige Strukturen. Eltern sollten ihnen eine gute Tagesstruktur, Organisation und Ordnung vorleben, auf körperliche Hygiene und Gedankenhygiene achten. Sie sollten für sich und das Kind ein gutes Netzwerk schaffen, ihm das Lesen der Bücher, die es interessieren, Spiele und Sport ermöglichen. Wichtig ist es, Wertschätzung und Motivation zu fördern und das Kind zu belohnen, zum Beispiel durch schöne Unternehmungen. Hochbegabte Kinder finden nur schwer ein Mittelmaß, sind sehr reizoffen, perfektionistisch und immer hellwach, wenn die Eltern müde sind. Man sollte nie schreien oder Vorwürfe machen, sondern immer versuchen, Ruhe in die Situation zu bringen und auch immer hinter dem Kind stehen. Nicht mit Emotionsduselei reagieren, sondern Fakten schaffen!

Tanja Mikulski
Tanja Mikulski Redaktion Münsterland