Cloppenburg - Die mehr als 100 Jahre alte Unterführung beim Cloppenburger Bahnhof soll jetzt komplett mit Leichtbeton verfüllt werden. Die Arbeiten sollen offenbar bereits am kommenden Montagmorgen starten, hat unsere Redaktion am Donnerstag aus sicherer Quelle erfahren. Damit wird ein äußerst umstrittenes Projekt zu Ende geführt, dessen Beginn im Oktober 2018 die Gemüter nicht nur in Cloppenburg und der Region erhitzte. Dank der TV-Satiresendung „Extra 3“ landete der Fall unter der Rubrik „Der reale Irrsinn“ sogar in den bundesweiten Schlagzeilen.
So ging’s los
Am 9. Oktober 2018 ging Ferdinand Steinkamp jun., der gegenüber des Bahnhofs wohnt, mit seinem Hund spazieren und wollte seinen Augen kaum trauen. Die seit 2009 nicht mehr benötigte Verbindung zwischen den Gleisen 1 und 2 wurde gerade von mehreren Arbeitern mit Leichtbeton verfüllt. Bis die daraufhin alarmierte Untere Denkmalschutzbehörde und die Bauaufsicht der Stadt das Treiben stoppen konnten, waren es rund 20 Lkw-Ladungen gewesen. „Die Personenunterführung entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen an die Statik und soll nach gängiger Praxis mit Beton verfüllt werden“, begründete die Bahn seinerzeit ihr – vorsichtig formuliert – ungewöhnliches Vorgehen.
Ex-Bürgermeister sauer
Der damalige Bürgermeister Dr. Wolfgang Wiese (CDU), der nach eigenen Angaben von der Bahn nicht über deren Vorhaben informiert worden war, gab sich mächtig stinkig. In Abstimmung mit der Oberen Denkmalschutzbehörde wurde Strafantrag gestellt und verlangt, dass der Leichtbeton wieder herausgeholt werden sollte – letztlich freilich ohne Erfolg.
Denn am 5. September 2019 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder ein, „weil hinreichend sichere Verdachtsmomente für eine bewusste und gewollte Zerstörung eines Kulturdenkmals (...) nicht zu begründen sind“.
Annäherung
Anschließend näherten sich die Streithähne wieder an – so wurden in Gesprächen zwischen Bahn und Stadt geprüft, „ob es für das Gesamtbild des Cloppenburger Bahnhofs besser ist, den Beton rauszuholen oder nicht“, so die Stadt am 2. Oktober 2019.
Fast drei weitere Jahre gingen so ins Land, bis man im Juni 2022 eine komplette Verfüllung des Tunnels verkündete. Bereits im März desselben Jahres hatte die Bahn – wie vom Landesamt für Denkmalpflege in Oldenburg verlangt – an den beiden Wartehäuschen der Unterführung die Verglasung, das Dach, die Regenrinnen und die Elektrik instand gesetzt. Im Winter vergangenen Jahres – so Stadtsprecherin Friederike Schreiber am Donnerstag auf Nachfrage – habe dann die Stilllegungsverfügung nach Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege aufgehoben werden können. „Damit können die Arbeiten am Bahnhof fortgesetzt werden, und eine weitere Auffüllung des Tunnels mit reversiblem Leichtbeton kann erfolgen. Auch nach Verfüllung des Gleistunnels ist der Denkmalwert der Gruppe baulicher Anlagen noch gegeben“, so Schreiber.
Um den Tunnel komplett verfüllen zu dürfen, hatte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege der Bahn neben den – bereits erwähnten – begleitenden Sanierungsmaßnahmen eine weitere Bedingung gestellt: Die Treppenabgänge müssen vom Leichtbeton zu trennen sein. Das Landesamt sprach von einer Folie oder einem „anderen geeigneten Mittel“.
Während des gesamten Streits bestanden unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Bereiche unter Denkmalschutz stehen. Während für die Stadt das gesamte Bahnhofsgelände unter Denkmalschutz stand, dachte die Bahn hinsichtlich der Unterführung offenbar anders.
Die Deutsche Bahn wollte eine Anfrage unserer Redaktion am Donnerstag noch nicht beantworten. „Sobald wir eine Rückmeldung vom Fachbereich erhalten, kommen wir auf Sie zu“, hieß es aus dem Kommunikation-Regionalbüro Hamburg.
