Cloppenburg - Dieses Thema sollten die Cloppenburger über Monate beschäftigen: der „vergessene Wald“. Unsere Redaktion berichtete am 13. Juli erstmals über das Biotop, das wohl auch die allermeisten gebürtigen Cloppenburger nicht kennen: In den vergangenen 50 bis 60 Jahren ist an der Eisenbahnstraße/Niedriger Weg zu den Bahnschienen hin auf einer Fläche von einem Hektar fast unbemerkt ein Wald mit vielen Eichen, aber auch Birken und Weiden sowie Gewässerstrukturen entstanden. Dieser „Grünfinger“ ist für den Menschen im Normalfall nicht zugänglich: „Nasser Waldboden in einer Zeit, in der rundum alles staubtrocken ist – ein Zeichen für den ökologischen Wert und die Bedeutung solcher naturbelassenen Flächen für das Stadtklima. Totholz und eine große Pflanzenvielfalt bilden geradezu ein Refugium für Kleinlebewesen und Insekten. Wir waren echt baff“, sagte der Gruppenvorsitzende von Grüne/UWG im Stadtrat, Michael Jäger, nach einer „Expedition“ in den „vergessenen Wald“.

Die Grünen sind sauer und fassungslos, dass diese „wertvolle Kaltluftschneise“ in Zeiten des Klimawandels und steigender Temperaturen nun abgeholzt werden soll. Denn der Wald gehört zu einem insgesamt vier Hektar großen Areal, auf dem sich seit vielen Jahren das Firmengelände des Steinmetzbetriebs Dierkes befindet. Da das Unternehmen an einen neuen Standort an der Nicolaus-Otto-Straße umsiedeln will, soll die freiwerdende Fläche – inklusive des dann abzuholzenden Waldes – für Wohnbebauung genutzt werden. Soweit der Plan der Stadtverwaltung und der Investoren.

Doch damit wollen sich Grüne/UWG nicht abfinden. Ratsfrau Dr. Katja Thieke (Grüne) sagte: Der zur Abholzung vorgesehene Wald sei zusammen mit dem Museumsdorf die größte waldreiche Vegetationsschneise im nordöstlichen Bereich der Stadt und extrem wichtig für die Klimafolgen-Anpassung im städtischen Raum. Dass ein in Cloppenburg abgeholzter Wald auf verschiedenen Flächen in Cappeln und Essen kompensiert werden könne, sei für sie fragwürdig, so Thieke.

In dem Gebiet habe sich eine artenreiche Fauna mit Grünspechten, Zaunkönig, Eichhörnchen, Mardern und Rehen entwickelt, so Thieke. „Ein solches Waldstück sollte man in diesen Zeiten nicht mehr abholzen. Das können wir uns einfach nicht mehr leisten“, sagte die Grüne-Ratsfrau. Klimafolgen und -anpassung seien nicht abgewogen worden.

Die Stadtverwaltung wies die Einwände von Grüne/UWG zurück. Die Belange der Grünfläche, des Artenschutzes und der Natur seien in den Planungen umfangreich berücksichtigt worden, so die städtische Pressesprecherin Friederike Bockhorst. Dazu zählten neben der Erstellung eines Fachbeitrags zu Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen auch die enge Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis Cloppenburg. Schließlich wird eine Unterschriftenaktion für den Erhalt gestartet. Im Dezember stimmt der Stadtrat mehrheitlich dem Bebauungsplan zu, der letztlich die Abholzung des vergessenen Waldes bedeutet.

Carsten Mensing
Carsten Mensing Redaktion Münsterland