Bösel - „Treffpunkt“ – ganz einfach, ohne Wortspiel oder Hinweis auf eine lokale Bedeutung. So hieß die Kneipe von Ewald Brinkmann, die er Mitte der 1960er Jahre an der Overlaher Straße in Bösel eröffnete. Der Name war gut gewählt, denn hier trafen sich nicht wie in anderen Gaststätten Stammtischbrüder oder Gäste aus der unmittelbaren Bauerschaft, sondern die Tür stand im wahrsten Sinne allen offen, besonders den jungen Erwachsenen aus ganz Bösel und Umgebung.
Der gelernte Zimmermann entschloss sich 1964/65 zum Bau eines Eigenheimes mit integrierter Gastwirtschaft an der Overlaher Straße. Tagsüber als Zimmermann und Einschaler auf dem Bau tätig und abends am Bierhahn stehend, diese Kombination war sicherlich nicht einfach.
Doch nach getaner Arbeit stand er kurze Zeit später frisch geduscht am Zapfhahn. Das Abendbrot nahm er zwischendurch ein. Bekannten Gästen raunte er dann wohl mal zu: „Du weiß jao, wo dei Beierhaohn is, tapp‘ di man sümmes in, ick mott ers wat äten.“
Buntes Publikum
Mit 33 Jahren war er ein junger Wirt, der auf die Jugend baute. Wenn werktags nach Feierabend und am Wochenende der „Treffpunkt“ seine Tür öffnete, dauerte es nicht lange, bis sich die geräumige Gaststätte füllte. Es war ein bunt gemischtes Publikum. Schnell entstanden unterhaltsame Thekengespräche. Es war eine Aufbruchstimmung zu spüren. Der Wirt war freundlich, weltoffen und zeigte Verständnis für den Freiheitsdrang und die Lockerheit der jungen Generation, die sich zunehmend in seinen Räumen wohlfühlte.
Während gegen Ende der 1960er Jahre in den Großstädten die Studenten das Szene-Leben bestimmten, entstanden an der Brinkmannschen Theke zwar keine revolutionären Gedanken, aber es wurden auch hier kontroverse politische Diskussionen geführt.
Der Wirt Ewald Brinkmann (rechts) an der Theke vom "Treffpunkt".
Daneben blieb der „Treffpunkt“ aber auch noch eine dörfliche Kneipe für Jedermann. Wie in dieser Zeit üblich, fanden in den Wintermonaten natürlich auch Skatturniere in der Gaststätte statt. Für die Freunde des Heimatvereins Bösel – Bezirk Nord – hatte der „Treffpunkt“ eine besondere Bedeutung. Am 14. März 1979 fand dort nämlich die Gründungsversammlung statt. Das Pflanzen eines Pfingstbaumes ist den Vertretern des Heimatvereins und des Stammtisches „Sandker Treff“ in bester Erinnerung geblieben.
Palmengarten
Unvergessen bleibt das Clubzimmer, das Ewald Brinkmann nach einigen Jahren in einem Nebenraum einrichtete. Es ist unter dem Namen „Palmengarten“ auch dem Verfasser dieser Zeilen in bester Erinnerung geblieben. So etwas gab es noch nicht in den Böseler Kneipen: bunte, gemütliche Clubsessel standen um die modernen, niedrigen Nierentische, die Wände waren farbig und teilweise mit südländischer Fototapete geschmückt.
Als Highlight dekorierten ein paar künstliche Kokospalmen den Raum, der auch mit dimmbarer Neonbeleuchtung ausgestattet war.
Ewald Brinkmann betrieb als leidenschaftlicher Wirt fast ein halbes Jahrhundert den „Treffpunkt“. Im Krankheitsfalle oder bei beruflicher Abwesenheit unterstützte ihn seine jüngere Schwester Maria tatkräftig. Er führte die Gaststätte auch nach seinem Renteneintritt noch weiter. Nach kurzer, schwerer Krankheit starb er am 5. Dezember 2010. Danach wurde der Ausschank eingestellt.
