Mexiko-Stadt/Bösel - In diesen Tagen hat Mexiko einen traurigen dritten Platz erreicht: die dritthöchste Zahl an Corona-Toten weltweit. Jedoch sei diese Zahl „mit Vorsicht zu genießen“, sagt Tobias Leser, der in Mexiko-Stadt lebt. „Ein großes Problem sind die Corona-Tests. Die Mexikaner haben keine vernünftige Krankenversicherung und können sich einen Test nicht leisten.“ 200 Dollar koste dieser Test. Mit so viel Geld könne ein Mexikaner gut eine Woche seinen Lebensunterhalt bestreiten. Deswegen sei die Zahl der Infizierten sicher nicht annähernd korrekt.
Der Böseler Tobias Leser lebt seit mehr als zehn Jahren in Mexiko. Er organisierte Sprachkurse für den VW-Konzern in Puebla. Seit Januar lebt der Sprachwissenschaftler mit seiner Frau in Mexiko-Stadt und leitet die Deutsch-Kurse am Goethe-Institut.
Deutschlernen online
„Man hat hier erstmal nicht viel mitbekommen“, berichtet Leser. Die Schließungen von Lokalen und Geschäften seien etwa einen Monat später als in Europa angelaufen. Das Goethe-Institut zog vor. „Seit März haben wir auf den digitalen Unterricht umgestellt“, berichtet Leser. „Ich habe es mir schwieriger vorgestellt, aber es läuft eigentlich ganz gut.“ Für seinen Weg zur Arbeit hat Tobias Leser bis dahin gerne die U-Bahn genommen. Doch als die Pandemie ausbrach, legte er sich ein Fahrrad zu.
Zunächst habe er noch gehofft, dass die Sprachschüler ab Sommer wieder zurückkehren können in den Präsenzunterricht – aber vergeblich angesichts der aktuellen Lage. Schulen sind geschlossen. Restaurants haben wieder geöffnet, aber mit Abstand- und Hygienevorschriften. Beim Betreten eines Restaurants oder Supermarkts wird Fieber gemessen. „In der Stadt sind die Leute diszipliniert. Hier trägt jeder Mundschutz.“ Auf den Dörfern seien die Menschen sorgloser: „Es gibt auch viele, die nicht daran glauben.“
Viele Arbeitslose
Für viele Mexikaner sind die Schließungen schlimm: Gerade in Hotellerie und Gastgewerbe habe es viele Entlassungen gegeben, sagt Leser. Ein funktionierendes staatliches Sozialsystem gibt es nicht, dafür werden die Arbeitslosen in der Familie aufgefangen.
Lesers privaten Jahrespläne sind ziemlich durcheinander geraten. Im April wollte er ein Seminar in München besuchen und Heimaturlaub in Bösel machen. Familienangehörige wollten ihn dann in Mexiko besuchen. Jetzt plant er grob, im Dezember nach Deutschland zu reisen, einen Flug hat er aber vorsichtshalber noch nicht gebucht.
