Neu Delhi - Es war ein kalter Morgen am „Tag der Republik“. Doch selbst der kälteste Wintertag in diesem Jahr ist nicht so frostig wie die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan. Seitdem beide Staaten unabhängig von Großbritannien wurden und aus dem zuvor einheitlichen „Britisch-Indien“ als souveräne Staaten hervorgingen, brodelt es zwischen ihnen. Jüngst war wieder eine Eskalation in Kaschmir, dem umstrittenen Landesteil im Norden Indiens, zu beobachten. Gerne lassen die beiden Atommächte die Muskeln spielen.
So ist es wenig verwunderlich, welche Bedeutung die Inder dem 26. Januar beimessen, dem „Tag der Republik“, an dem die Verfassung in Kraft trat. Schon im Vorfeld waren um Delhis Wahrzeichen herum – das India Gate – die Vorbereitungen im Gange. Das Resultat konnte ich mir für umgerechnet zwei Euro am Sonnabend selbst anschauen: Zusammen mit den meist in Familienstärke herbeigeströmten Zuschauern sah ich von provisorischen Stuhlreihen aus eine Militärparade, die in Pomp und Übermaß einerseits wie ein Relikt aus alten Zeiten anmutete, mir andererseits aber vor Augen führte, wie hochgerüstet diese Nation ist.
Den Anfang bildeten Panzer, Raketen und anderes Kriegsgerät der Bodentruppen. Anschließend präsentierte sich die Marine, bevor unzählige Einheiten der indischen Armee in eiserner Disziplin den auf – das India Gate zuführenden – Rajpath entlangmarschierten. Ich konnte darüber nur den Kopf schütteln, was dieses teilweise so arme Land in den Militärhaushalt investiert.
Ein wenig hatte die Parade schon den Beigeschmack der Kriegspropaganda, unterstützt durch einige Lautsprecherdurchsagen. Das Ziel, die „Einheit und Integrität unserer Nation“ zu bewahren, verfolgt wohl jede Nation. Fragwürdiger war indes die Behauptung, die indische Armee gehöre zu „den besten der Welt“.
Täglich misst sie sich mit ihrem pakistanischen Gegenüber auch an der Grenze nahe der Stadt Amritsar. Ich bin Zeuge der kuriosen Grenzschließungszeremonie geworden, bei der Soldaten beider Länder aufmarschieren, wobei sie die Füße dermaßen stark in die Luft schlagen, dass sie fast ihre Kopfbedeckung heruntertreten. Zumindest auf der indischen Seite heizt ein Animateur die Zuschauer an, die „Lang lebe Indien“ skandieren.
Nach einer halben Stunde ist das Spektakel beendet, die Fahnen werden eingeholt, und die Grenze bleibt von ungefähr 17 bis 9 Uhr am nächsten Morgen geschlossen. Insgesamt wirkt die Zeremonie wie die etwas künstliche Inszenierung der Feindschaft zu Pakistan, fast so, als wolle man mit ihr den Status quo zementieren.
Immerhin beschränkten sich am Sonnabend nicht die gesamten Feierlichkeiten auf militärische Aspekte. In der Mitte der Veranstaltung fuhren Wagen den Rajpath hinunter, auf denen sich einzelne indische Bundesstaaten präsentierten.
Als sich am Ende die indische Luftwaffe den johlenden Massen präsentierte, wärmte uns längst die Sonne. Sie schien wie die Verheißung einer friedlicheren Zukunft auf die Kampfjets am Himmel. Sie waren die letzte Botschaft an den Erzfeind, der an diesem Tag so fern und doch so nah war.
