Friesoythe - Die Briten pflegen ihre Traditionen. Eine besteht in der Geste, sich beim Erklingen des „Halleluja“-Chores in Georg Friedrich Händels Oratorium „Messiah“ von den Sitzen zu erheben, und das schon seit 1743. Da verhält man sich außerhalb der Insel dezenter. Auch in der St.-Marien-Kirche in Friesoythe bleibt die Zuhörerschaft gesittet sitzen, applaudiert aber am Ende, nach dem „Amen“-Chor, umso heftiger – stehend. Das tut einerseits nach zweidreiviertel Stunden ohne Pause auf Kirchenbänken gut, gilt aber ganz zuvörderst als höchste Würdigung einer ebenso machtvollen wie lebendigen und tief berührenden Aufführung.
Großtat vollbracht
Heinrich kleine Siemer als Dirigent, der Motettenchor, Gesangssolisten und das Barockorchester „Le Chardon“ haben eine Großtat vollbracht. Der „Messiah“ mag zwar für die Uraufführung 1742 in Dublin auf die dortigen beschränkten musikalischen und technischen Möglichkeiten zugeschnitten gewesen sein. Doch die vielen Grundtöne von Verkündigung, Monumentalität, persönlichen Gefühlen, Verzagtheit und Beglückung zu treffen und zu bündeln, erfordert höchstes Engagement und Musikalität. Das gelingt in St. Marien ebenso fein verinnerlicht wie machtvoll.
Es mag dem Chor entgegenkommen, wenn Händel im „Messiah“ ihn nur einmal über die solide Vierstimmigkeit hinausführt und ihn auch oft in den Höhen schont. Doch die Anforderung, die Frohe Botschaft mitreißend und glaubhaft zu überbringen, bleibt hoch. Der Motettenchor, nach zwei Jahren Auftrittspause minimal weniger üppig besetzt als oft gewohnt, hält einen weiten Bogen unter Spannung. Die Sängerinnen und Sänger finden bei monumentalen Flächen ebenso zu Klangschönheit wie zu klaren Akzenten bei rhythmischem Aufruhr. Auffällig schön rund klingen die Soprane in den Höhen.
Hohen Rang weist das Gesangensemble mit dem englischen Originaltext auf. Von der Oper her ist der Sopranistin Fanie Antonelou großer Ausdruck nicht fremd. Die verbindet sie mit linearer Stimmführung und hoher Verzierungskunst, was einfach wunderbar klingt.
Verkündungswucht
Richtige Verkündigungswucht und außergewöhnliches Timbre können Tenor Markus Brutscher und Bass Dirk Schmidt in ihre Stimmen legen; doch es frappiert, wie beweglich und sauber sie koloraturartige Passagen angehen. Altus David van Laar artikuliert zwar sinnfällig, aber im Volumen ist seine Stimme noch zu eng.
Auffällig auf wohlige Geschmeidigkeit setzt anfangs das Orchester, ehe es mit zunehmender froher Gewissheit der Gläubigen den Streicherklang immer leuchtender werden lässt.
Aus St. Marien geht man ebenso erbaut wie nachdenklich: Kann die Musik 1743 in ihrer Zuversicht und Fantasie weiter in die Zukunft geschaut haben als heute Mächtige in ihrer Verblendung und Fantasie?
