Cloppenburg - 50 Jahre auf dem Buckel – das ist den meisten Menschen und Gegenständen anzusehen. Doch dass die Sesamstraße am 8. Januar schon ein halbes Jahrhundert über die Bildschirme flackert, ist der Kindersendung nicht anzumerken. „Der, die, das. Wer, wie, Was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm“. Nach diesem Motto machen Elmo, Samson und Co. seit dem 8. Januar 1973 Lust darauf, neugierig zu sein – und selbstbewusst nachzufragen.
Kritik an der Sendung
Nach dem Start der „Sesame Street“ in den USA am 10. November 1969 war Deutschland zwar das erste Land außerhalb der Vereinigten Staaten, in dem Kinder die Figuren aus Jim Hensons Puppenschmiede zu Gesicht bekamen, recht war das jedoch längst nicht jedem: Die Lebensumstände in Amerika und Deutschland ließen sich nicht miteinander vergleichen, beklagten Kritiker, die Sendung sei ein „Werbe-, Drill- und Überredungsprogramm“, schimpfte der Bayerische Lehrerverband.
Der Bayerische Rundfunk versuchte, den Ankauf der Serie zu verhindern und zeigte sie zunächst nicht. Nicht wenige deutsche Kinder bekamen zur Sesamstraßen-Zeit Fernsehverbot. Und erst diese ganzen Monster: ein übellauniger Griesgram namens Oscar, der in einer Tonne lebt, Müll über alles mag und nie um eine Beleidigung verlegen ist. Grobi, ein liebenswerter Chaot und meistens der Loser in seinen Sketchen. Heute läuft die Reihe weltweit in mehr als 140 Ländern.
Die Sesamstraßen-Pädagogik galt damals als absolut wegweisend. Durch Nonsens, Zeichentrick und Albernheiten – kurz: mit Spaß – wurden Kleinkinder an Zahlen, Lebensweisheiten und Verhaltensregeln herangeführt. Immer wieder wurde ihnen das ABC vermittelt – ob in Liedform, durch Filmeinspieler oder die intensive Behandlung einzelner Buchstaben. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten, speziell aus ethnischen Minderheiten, die viel Zeit allein vor dem Fernseher verbringen, sollten gefördert werden, so das Ziel in den USA.
In Deutschland kamen zunächst die US-Szenen zur Ausstrahlung. Später setzte der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der die hiesige Version verantwortet, auf eine eigene Rahmenhandlung. Die Bundesregierung hatte den Import der Sendung mit drei Millionen Mark unterstützt – die „Sesamstraße“ sollte helfen, die damals festgestellte „Bildungskatastrophe“ abzuwenden.
Wir haben uns umgehört, was Menschen aus dem Landkreis Cloppenburg mit der Sesamstraße verbinden.
Stefanie Lübbers
Mit der Sesamstraße aufgewachsen ist die Cloppenburger Stadträtin Stefanie Lübbers. „Ich habe mich immer auf die nächste Folge gefreut und gespannt vor dem Fernseher die Erlebnisse von Samson, Tiffy und Co verfolgt. Die Sesamstraße ist für mich eine tolle Kindheitserinnerung“, erzählt die Verwaltungsbeamte (Jahrgang 1981). Samson der Bär ist und war der Liebling aus der Serie.
Stadträtin Stefanie Lübbers.
„Heute würde man vermutlich sagen, dass Samson etwas naiv und gutgläubig durch die Welt geht, aber wie könnte man den zotteligen braunen Bären mit seinem großen Herzen nicht mögen?“ Auch wenn die Sesamstraße aktuell keine Rolle im Alltag spielt, findet Lübbers, dass die Sesamstraße immer ermutigt hat, neugierig und wissbegierig zu sein. „Ein Format, das Spaß und Bildung kombiniert, ist absolut zeitgemäß“, findet die Stadträtin.
Willi Rolfes
Positive Erinnerung an die Sesamstraße beziehungsweise die damit verknüpften Fernsehmomente hat auch Willi Rolfes, Geschäftsführender Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld. „In meinem Elternhaus gab es anfangs nur bei unseren Großeltern ein Fernsehgerät. Natürlich in schwarz-weiß. Wir Kinder ließen uns die Sesamstraße nicht entgehen, vor allem, weil wir bei unserem Opa auf dem Sofa sitzen durften. Meistens hatte er eine Süßigkeit für uns. Das war irgendwie wie ein großes ’Lagerfeuer’. Darum ging es in der Rückschau wohl in Wirklichkeit“, so der Sozialpädagoge, der 1964 in Lohne geboren wurde.
Willi Rolfes
Zu seinen Lieblingen gehörten Kermit der Frosch mit seinen vielen Erklärungen und der ausgeprägten Gestik. Das Krümelmonster sei als „Running-Gag“ unter den Geschwistern auch sehr beliebt gewesen.
Den Wert der Sendung würde Rolfes allerdings als eher gering einschätzen. Vielmehr schätzt er Kinder-Formate wie „Die Sendung mit der Maus“ oder „Löwenzahn“, in denen man selbst aktiv wurde und so gelernt hat.
Ines Luthmann
Bei der Nennung der Sesamstraße fallen Ines Luthmann, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen in Cloppenburg, gleich wieder viele Charaktere ein. „Es war auf jeden Fall bunt, auch teilweise etwas schrill und es gab eine Bandbreite vieler verschiedener Charaktere, auch Klischees mit entsprechenden Emotionen.“ Als Lieblingsfigur unter vielen tollen Charakteren fällt der 43-Jährigen Schlemihl ein, der topsecret versucht hat, die Buchstaben zu verkaufen.
Ines Luthmann
Auch wenn ihre Kinder die Sesamstraße kennen – im Gegensatz zu ihrer Mutter sind sie keine großen Fans der Sendung. Die Sozialpädagogin ist der Meinung, dass die Sendung noch zeitgemäß ist, auch weil sie sich immer wieder angepasst und verändert hat. „Die Vielfalt wird deutlich, das Anderssein und das Wichtige an einem guten Miteinander wird angemessen transportiert.“
Christa Anneken
Auch die Kindheit von Christa Anneken, Lehrerin an den Berufsbildenden Schulen Technik in Cloppenburg, ist von der Sesamstraße begleitet worden. Sie erinnert sich gerne an die Sendung, die sie auf dem damals noch nicht üblichen familieneigenen Fernseher gemeinsam mit den drei Geschwistern schauen konnte. „Ich erinnere mich gerne an die Zeit. Die Sendung hat meine Kindheit auf jeden Fall mit geprägt“, erzählt die Mutter von mittlerweile erwachsenen Kindern.
Christa Anneken
In deren Kindheit hätte nicht so sehr die Sendung, sondern vielmehr die Figuren als Stofftiere, Bücher oder Spiele eine Rolle gespielt. Anneken selbst war vor allem Fan von Ernie, der mit seiner markanten Lache seinen Mitmenschen auch mal auf den Keks gegangen sei. „Das Motto ’Wer nicht fragt, bleibt dumm’ gilt ja auch heute noch“, findet die Oberstudienrätin.
Christoph Eilers
Ein Fan war und ist auch Christoph Eilers. Der 53-Jährige erinnert sich noch, dass er sich als Kind immer auf die Sendung gefreut hat – zumal bei den früheren drei Programmen eine begrenzte Auswahl herrschte. Seine Sympathien gelten Oskar in der Mülltonne und dem Krümelmonster.
Christoph Eilers
In der Kindheit des 10-jährigen Sohnes spielte und spielt die Serie aber keine Rolle mehr, erzählt der CDU-Landtagsabgeordnete. Dabei findet der Cappelner, dass vor allem die Verbindung zwischen den Puppen und den realen Menschen in einer Sendung wertvoller ist im Gegensatz zu der abstrakten Welt der Zeichentrick-Filme. Er wünscht sich, dass sich die Sendung trotz aller digitalen Angebote auch nicht in 50 Jahren verabschiedet hat.
