Neuvrees - Ein Schaf lag mit aufgerissenem Bauch und durchgebissener Kehle leblos auf der Wiese. Zwei andere Schafe hockten verängstigt und mit blutenden Bisswunden am Hals in einem kleinen Stall. Für Marlies und Karl-Heinz Schrand aus Neuvrees stand am Dienstagmorgen schnell fest: Ein Wolf ist irgendwie auf die kleine Wiese zwischen Putenstall und Straße gelangt und hat dort sein Unwesen getrieben. Der Bock wurde direkt getötet, die beiden weiblichen Schafe, so genannte Auen, mussten am Dienstag durch einen Tierarzt von ihrem Leid befreit werden.
Nah am Haus
Das Paar betreibt an der Feldstraße einen Hof und eine Wildschlachterei. Die Schafe waren eigentlich schon verkauft, sollten aber noch für einige Tage das Gras neben dem Stall kurz halten. Um den wirtschaftlichen Schaden geht es den Schrands aber nicht. „Was uns große Sorgen macht, ist, dass die Schafe quasi vor unserer Haustür gerissen wurden“, sagte Karl-Heinz Schrand im Gespräch mit unserer Zeitung. In der Tat. Die Wiese liegt keine 100 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt.
Direkt neben der betroffenen Wiese hat Familie Schrand zudem eine rund 5000 Quadratmeter große Fläche angelegt, auf der unter anderem Galloway-Rinder, Ziegen und Schafe grasen. „Hier halten immer viele Eltern mit ihren Kindern an, schauen sich die Tiere an und füttern diese auch. Da mag man nicht daran denken, dass hier ein Wolf umherschleicht“, sagte Schrand. Er wisse zwar, dass sich im angrenzenden Eleonorenwald Wölfe befinden und hat auch schon zwei gesehen, „doch dass sie so nah an die Menschen herankommen, damit habe ich nicht gerechnet“. Schließlich sei auf dem Hof und in den Ställen immer Licht und immer etwas los. Das schien das Tier aber nicht abzuschrecken. Schrand selbst sieht hier die Politik in der Pflicht, regulierend und schützend einzugreifen.
Eindeutige Spuren
Am Nachmittag machten sich dann Wolfsberater Arnold Aumüller aus Friesoythe und der angehende Wolfsberater Franz Lüsse aus Emstek ein Bild von der Lage. Die Kehlbisse, der Pansen des angefressenen Schafes, der von Wölfen nie angerührt wird, deutliche Pfotenspuren am Zaun. Das alles deutet sehr auf einen Wolf hin. Doch schlussendlich gibt nur ein DNA-Test absolute Gewissheit. Daher nahmen die beiden Wolfsexperten von allen Tieren DNA-Proben, die nun samt Dokumentation zur Untersuchung an den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz geschickt werden.
In Niedersachsen gibt es 300 bis 400 gezählte Wölfe. Diese teilen sich in 38 bis 39 Rudel auf. Kürzlich soll bei dem Rudel in Werlte, das auch in dieser Region umherstreifen soll, Nachwuchs mit vier Jungtieren gesichtet worden sein. Aumüller geht jedoch davon aus, dass sich im Eleonorenwald mittlerweile ein eigenes Rudel gebildet hat.
