Nordkreis - Es gibt keine Hinweise darauf, dass Gewalt in Partnerschaften und Familien in der Corona-Krise mehr geworden ist. Das bestätigen die offiziellen Stellen im Landkreis Cloppenburg, die in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert sind. Das Jugendamt hat in den vergangenen Wochen nicht mehr Kinder aus Familien nehmen müssen als sonst auch, berichtet die Kreisverwaltung. In diesen Wochen lägen die Zahlen der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt noch ein bisschen unter den Vorjahreswerten, berichtet Hendrik Ebmeyer. Im ganzen vergangenen Jahr verzeichnete die Polizei im Nordkreis 166 Fälle. Wegweisungen nach dem Gewaltschutzgesetz sind trotz Corona weiter möglich, das haben Polizei und Landkreis geklärt.
Familien, die viel mehr Zeit miteinander verbringen als sonst. Erwachsenen, die aufgrund von Jobverlust, Kurzarbeit, Verantwortung für Home Schooling oder anderen Problemen mehr unter Stress stehen. Warum zeigen sich keine Ausreißer?
Es seien alles Spekulationen, betont Ebmeyer: „Aber wir sind keine Großstadt. Hier gibt es viel Platz sich aus dem Weg zu gehen. Das ist ein hoher Wohlstandsfaktor.“ Auch gebe es engere familiäre Netzwerke. Viele dieser Faktoren pufferten den Stress und damit die Gefahr, dass es in Familien zu Gewalt komme.
„Wir vermuten, dass das viel mit dem ländlichen Raum zu tun hat“, sagt auch Vanessa Nipper, Ansprechpartnerin bei der DRK-Frauenberatung bei Bedrohung und Gewalt. Auch dort sind die Fallzahlen stabil. Rund 900 Frauen wurden 2018 beraten. Jedoch: „ländlicher Raum“ bedeute nicht nur Platz und Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Es bedeute auch: Jeder kennt jeden, soziale Kontrolle und „Was sollen denn die Nachbarn denken?“ Hier sei der Druck, die Fassade der heilen Familie aufrechtzuerhalten, hoch.
Unter Kontrolle
Nipper warnt angesichts der Fallzahlen: „Das ist das Hellfeld.“ Denkbar sei, dass die Frauen sich nicht melden könnten, weil ihr Partner durchgehend zuhause ist. Häusliche Gewalt finde immer im Zusammenhang mit Macht und Kontrolle in der Partnerschaft statt, erläutert Stephanie Bonk, ebenfalls Ansprechpartnerin bei der DRK-Frauenberatung. „Es gibt nicht die klassische Familie mit häuslicher Gewalt.“ Es seien alle sozialen Schichten, Menschen aller Bildungsniveaus und jeden Alters betroffen.
„Jede zweite Frau kennt jemanden, der betroffen ist. Jede vierte Frau ist schon mal Betroffene gewesen“, ergänzt Nipper. 2018 waren elf Prozent der Opfer Männer, Täter sind fast ausschließlich Männer. Sie schlagen ihre Partnerinnen, Ex-Partnerinnen, Kinder, aber auch ihre Väter, Mütter oder ihre gleichgeschlechtlichen Partner.
Die Gewalt nehme langsam zu: „Es ist ein schleichender Prozess. In keiner Partnerschaft ist es sofort die Hand, die ausrutscht“, sagt Bonk. So werde die Partnerin abgewertet, kontrolliert und von ihrem sozialen Umfeld isoliert. Es werde eine emotionale, soziale und finanzielle Abhängigkeit aufgebaut. „Im Schnitt brauchen Frauen sieben Jahre oder sieben Anläufe, um den Absprung zu schaffen“, sagt Bonk, die schon eine Frau über 70 betreut hat, die nach 42 gewaltvollen Ehejahren ihre letzten Jahre in Ruhe verbringen wollte.
Scham und Angst
Der Schritt raus aus der Gewaltbeziehung, dauere so lange, weil die Frauen Erklärungen fänden, warum der Mann zugeschlagen habe. Sie sähen eine Mitschuld an der Situation, schämten sich. Sie hätten Geldsorgen, die Idee, den Kindern nicht ihren Vater wegnehmen zu wollen, und schließlich die Angst vor der Reaktion des gewalttätigen Mannes auf eine Trennung. „Der gefährlichste Mensch auf der Welt ist der Ex-Partner“, sagt Vanessa Nippler.
Außenstehende könnten wenig machen, außer zuhören. Eine Trennung dürfe nicht auf den Druck von außen passieren, dann übernehme ja wieder jemand anders die Kontrolle. Das Opfer müsse diesen Schritt selber gehen.
