Landkreis Cloppenburg - Mehr als eine Namensänderung ist die Reform von Hartz IV auf das Bürgergeld am 1. Januar gewesen. Das findet Marion Denkmann, Geschäftsführerin des Jobcenters im Landkreis Cloppenburg. „Das System wurde weiter entwickelt, um es auf die Bedarfe der Menschen und des Arbeitsmarktes besser abzustimmen. Die Menschen sollen nachhaltiger in Arbeit gebracht werden, um dem Fachkräftemangel besser begegnen zu können“, so Denkmann.
Höhere Freibeträge
Sie und ihre Stellvertreterin und Bereichsleiterin Christine Wunde bezeichnen auch die neue Reform am 1. Juli als einen „richtigen Hammer“. Die beiden Mitarbeiterinnen des Jobcenters im Landkreis Cloppenburg informierten am Montag über die Umstellung auf das Bürgergeld zum 1. Januar und gaben weiterhin einen Ausblick auf die Neuerungen zum 1. Juli. Denn so dürfen ab dem kommenden Monat beispielsweise Auszubildende 30 Prozent ihres Einkommens zwischen 520 und 1000 Euro behalten, wenn sie in einer „Bedarfsgemeinschaft“ mit ihren Eltern leben, die Bürgergeld beziehen. Bisher waren es nur 20 Prozent, vor der Einführung des Bürgergeldes gab es einen Grundfreibetrag bis 1000 Euro Einkommen von 100 Euro sowie 20 Prozent, die nicht angerechnet wurden. „Dadurch steigt mit finanziellen Anreizen die Motivation, eine Ausbildung zu beginnen. Vorher war vielleicht der Gedanke, dass sich eine Ausbildung weniger lohnt, als direkt arbeiten zu gehen“, sagt Denkmann im Hinblick auf die anstehende Veränderung. Und auch Kollegin Wunde hat beobachtet, dass viele junge Menschen eher direkt mit einer Arbeit angefangen sind, wenn das Elternhaus nicht darauf bestand, eine Ausbildung zu beginnen.
Mehr Bezieher
Die Umstellung im Landkreis Cloppenburg habe auch dank des Engagements der Kolleginnen und Kollegen im Jobcenter „geräuschlos“ funktioniert, erklären sie und Stellvertreterin Christine Wunde. 121 Mitarbeitende sind im Landkreis Cloppenburg beim Jobcenter tätig. Und sie müssen eine größere Zahl an Menschen betreuen als vor einem Jahr. 8421 Leistungsberechtigte in 4125 Bedarfsgemeinschaften gab es am 1. Januar 2023. Davon stammten 1713 Personen aus der Ukraine, darunter sind 1037 weibliche und 676 männliche Leistungsberechtigte. Insgesamt, so rechnet Denkmann vor, wohnten im April 2022 6779 Personen im Kreis Cloppenburg, die Hartz IV bezogen. Im April 2023 erhielten 8474 das neue Bürgergeld – also ein Plus von rund 1700 Personen. Das sei aber nicht allein auf Personen aus der Ukraine zurückzuführen. 56 Ukrainerinnen und Ukrainer seien von Mai 2022 bis Februar 2023 in Arbeit vermittelt worden, in diesem Jahr waren es bis Mitte April 44 Menschen. „Da tut sich etwas für Menschen aus der Urkaine. Und auch nicht alle sind überhaupt beim Jobcenter gelandet, sondern haben über private Kontakte Jobs gefunden“, so Denkmann.
Sprache sei bei der Integration ein wichtiger Schlüssel, betont die Arbeitsmarkt-Expertin. Und so sei es oft bei Ukrainerinnen und Ukrainern ratsam, wenn sie auch trotz guter Abschlüsse in der Ukraine, die aber nicht immer vergleichbar mit dem deutschen Abschluss seien, Hilfstätigkeiten aufnähmen. Denn durch den Alltag könne die Sprache am besten gelernt werden. Hürden bei der Vermittlung seien auch aufzuarbeitende Traumata oder die fehlende Kinderbetreuung.
Höhere Regelbedarfe
Wichtigste bisherige Veränderung waren die gestiegenen Regelbedarfe seit dem 1. Januar. Ein alleinerziehender Erwachsener hat so 53 Euro mehr, für jedes Kind unter sechs Jahren gibt es beispielsweise 35 Euro mehr. Ob diese Erhöhung ausreiche, vermochte Denkmann nicht zu beurteilen. Sie freut sich allerdings, das auch im Zuge der Neuerungen ab 1. Juli die Freibeträge insbesondere für Schüler, Auszubildende und Freiwilligendienstleistende steigen. Außerdem wurde die Regelung abgeschafft, dass die Ausbildungszeit für ehemalige Bürgergeld-Empfänger um ein Drittel gekürzt werden muss. So können nun Ausbildungen in der dafür vorgeschriebenen Zeit absolviert werden. „Viele unser Kundinnen und Kunden sind zum Zeitpunkt dieser Ausbildung aus dem Lernen raus. Und die Arbeitgeber haben die Ausbildungszeit beispielsweise für Kfz-Mechatroniker ja nicht umsonst auf 3,5 Jahre angesetzt“, sagt Denkmann. Diese beiden Punkte seien besondere Verbesserungen.
Außerdem werde durch einen Weiterbildungsbonus von monatlich 150 Euro und durch den Bürgergeldbonus in Höhe von monatlich 75 Euro noch mehr finanzieller Anreiz gegeben, um wieder in Arbeit zu kommen. Insgesamt sei der Vermittlungsvorrang mit dem Bürgergeld weg gefallen. Damit würde der Fokus nunmehr auf der Aus- und Fortbildung liegen. „Dass Personen in einen Job vermittelt wurden, obwohl sie noch in einer Qualifizierung waren, hat es hier vorher auch nicht gegeben“, erzählt die Jobcenter-Chefin aus der Praxis. Außerdem sind die Freibeträge für Erwerbstätige gestiegen, damit das Plus noch größer ist, sollten Personen neben dem Bürgergeld-Bezug noch arbeiten gehen. Das sind laut Denkmann im Landkreis Cloppenburg rund 1000 Personen.
Coaching integriert
Neu ist ab 1. Juli auch, dass ein Coaching fest verankert wird und Personen auch dann noch weiter betreut werden können, wenn sie arbeiten. „Gerade bei Langzeitarbeitslosen ist die Gemengelage schwierig und es gibt viele Probleme“, sagt Christine Wunde, Bereichsleiterin und Denkmanns Stellvertreterin. Ein Kooperationsplan soll ab kommenden Monat als Drehbuch für die Arbeit zwischen der Kundschaft und den Integrationshelfern sein. 40 dieser Helfer arbeiten beim Jobcenter im Kreis Cloppenburg, dazu kommen Fallmanager, die sich um „problembeladenere“ Arbeitssuchende kümmern. Insgesamt, so finden die beiden Expertinnen für den Arbeitsmarkt, ist die Veränderung zum Bürgergeld gelungen und ein echter Mehrwert – hin zu mehr finanziellen Anreizen, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
