Oldenburger Münsterland - Überrascht war Prof. Dr. Peter Nitschke vom Ausmaß des russischen Angriffs an mehreren Fronten. Dass es zu einem Einmarsch kommen würde, hat der Professor für Politik an der Universität Vechta geahnt, auch weil in der Ost-Ukraine seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 faktisch Krieg herrsche.
Es sei aber an diesem Donnerstag zu früh, um vorherzusagen, wie weit Wladimir Putin mit seinem Einmarsch zu gehen bereit ist. Prinzipiell wolle der Präsident aber als großes Ziel die Ukraine mit Russland wieder vereinen und eine Marionetten-Regierung in Kiew installieren. Denn eigentlich liegt das Herzstück Russlands in der Ukraine. „Wer Kiew beherrscht, beherrscht im alten russischen Mythos auch Russland“, erklärt der Experte zur Bedeutung der ukrainischen Hauptstadt.
So ein Krieg am Boden könne aber auch für Russland mit vielen Verlusten einhergehen – es bleibe fraglich, ob der Kreml dieses Risiko eingehen möchte. Generell berge ein hybrider Krieg, der bisher geführt wurde, die Gefahr, dass er durch viele Eskalationsstufen in einem „richtigen“ Krieg münde, so Nitschke.
„Ob die westlichen Staaten da jetzt einfach so am Rande stehen und zuschauen, wenn mitten in Europa Krieg geführt wird, weiß ich nicht“, sagt Nitschke. Denn die Ukraine liege Mitten in Europa und quasi um die Ecke, der Konflikt betreffe uns alle. Auch weil durch den Krieg vermutlich viele Menschen ihre Heimat verlassen würden – auch in Richtung Deutschland, mutmaßt der Vechtaer Professor.
Nitschke mahnt jetzt, die richtige Schritte einzuleiten. Das Ende von Nord Stream 2 hätte schon viel eher kommen müssen, um eine so große Abhängigkeit von Russland erst gar nicht zu forcieren. Auch empfindet er die Zusagen Deutschlands für Helme und ein Feldlazarett „makaber“. Russland müsse aus dem Zahlungssystem Swift ausgeschlossen werden. So sei es für die Russen dann nicht mehr möglich, Geldgeschäfte zu machen. Das habe dann aber auch Auswirkungen auf die Geschäfte Deutschlands mit Russland – eine vielleicht bittere Pille, aber im Angesicht einer weiteren Eskalation das kleinere Übel.
