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Pflegedienst-Betreiber aus Sedelsberg „Zorn im Bauch“ über Cloppenburger Gesundheitsamt

Saterland - Beim Zeitunglesen ist Nicole und Martin Reiners, Betreiber eines Pflegedienstes und einer Tagespflege aus Sedelsberg, am Donnerstag die Hutschnur geplatzt. Die Stellungnahme des Landkreises zum Corona-Ausbruch im Pflegeheim Edith Stolte in Bösel sei „eine nie dagewesene Unverschämtheit“, sie seien „voller Zorn im Bauch“, berichten sie.

Vorgeschichte

Über Weihnachten kämpfte das Pflegeheim Edith Stolte in Bösel mit einem Corona-Ausbruch. Alle 20 Bewohner und 22 Mitarbeiter waren infiziert. Pflegedienstleiter Daniel Meenken wirft dem Kreisgesundheitsamt vor, das Heim „im Stich gelassen“ zu haben. Es gab keine Labortests und auch in Sachen Personalengpass habe es keine Hilfe gegeben.

Der Landkreis Cloppenburg weist die Vorwürfe zurück. Weil die Labore über die Feiertage geschlossen waren, seien keine Tests möglich gewesen. Es sei eine Genehmigung erteilt worden, dass symptomfreie infizierte Mitarbeiter infizierte Bewohner versorgen, um dem Personalmangel vorzubeugen. Nun soll das Hygienekonzept des Böseler Pflegeheims überprüft werden.

Der Kreis Cloppenburg geht davon aus, dass es im Böseler Heim Probleme mit der Hygiene gegeben hat. Nicole und Martin Reiners sind empört: Mitarbeiter in der Pflege lieferten seit Monaten eine „noch nie dagewesene Arbeitsqualität“ unter hoher psychischer und physischer Belastung. „Hier findet eine eiskalte Stigmatisierung aller betroffenen Personen statt.“

Keine Empfehlungen

Das Ehepaar Reiners stimmt der Einschätzung des Böseler Pflegedienstleiters Daniel Meenken zu: „Man kann zum Beispiel Demenzkranke in kein Hygienekonzept stopfen.“ Die Reiners werden deutlich: „Liebes Gesundheitsamt: Wenn man keine Ahnung von der Pflege hat, dann muss man den Mund halten.“

Sie haben eine Liste von Gelegenheiten, zu denen sie am Bürgertelefon des Kreises keine Handlungsempfehlungen bekamen. Etwa als eine Patientin positiv auf das Covid-19-Virus getestet worden war, oder das Kind einer anderen Mitarbeiterin in häusliche Quarantäne geschickt wurde.

Außerdem beklagen sie, immer noch keine Genehmigungen zu haben, Corona-Schnelltests verwenden und abrechnen zu dürfen. Ein Hygienekonzept für die Schnelltests haben sie Ende Oktober eingereicht. Das Muster dafür stammt vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Reiners haben es für sich ausgefüllt und halten es für vollkommen ausreichend. Als es zu Verzögerungen kam und der Kreis sich Ende November mit Nachfragen meldete, empfanden Reiners das als „nicht vertretbare Behördenwillkür“. Es seien Punkte bemängelt worden, für die es „keinerlei rechtliche Handhabe“ gebe.

Fragen nicht beantwortet

Es habe „dringend zu klärende Punkte“ gegeben, berichtet die Kreisverwaltung. So habe die Angabe gefehlt, wie viele Personen der Pflegedienst betreut und wie viele Mitarbeiter es gibt. Damit werde bemessen, wie viele Tests abgerechnet werden dürften.

Geklärt wissen wollte der Kreis außerdem „die Einweisung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den ordnungsgemäßen Umgang mit dem PoC-Antigen-Schnelltest“. Das Problem: Laborarbeiten, wie das Abstrichnehmen haben Pflegekräfte in der Ausbildung gelernt. In ihrer Praxis kommt es aber kaum vor. Werden die Tests falsch gehandhabt, kann es zu Verunreinigungen und somit zu falschen Ergebnissen kommen.

Eine kostenlose Schulung Anfang Dezember hätte der Pflegedienst nicht genutzt. Vielmehr hätten Reiners dem Kreis geschrieben: „Wir werden kein weiteres und/oder ergänzendes Konzept nachreichen.“ In der selben E-Mail sei angekündigt worden, die Testungen einzustellen, sollte ihr Konzept weiterhin bemängelt werden. Dazu schreibt der Kreis Cloppenburg: „Die Kreisverwaltung stellt fest, dass es medizinische Vorgaben und Gesetze gibt, an die sich die Verwaltung und auch Pflegedienste halten müssen. Das ist nicht optional.“

Nicole und Martin Reiners fordern indes, dass „klar und öffentlich personelle Konsequenzen“ bei der Cloppenburger Kreisverwaltung gezogen werden. „Hier wird ein totales Versagen einer Behörde runtergespielt.“

Erfahrungen anderer Pflegeeinrichtungen mit dem Kreis

Andere Einrichtungen und Anbieter für Altenpflege berichten genau Gegenteiliges über ihre Zusammenarbeit mit dem Landkreis Cloppenburg.

„Wir haben absolut keine Probleme. Wir können anrufen und bekommen sofort Rückmeldung. Und es ist nicht so, dass wir nicht viele Fragen haben“, sagt Sarah Rolfes, geschäftsführende Inhaberin des Pflegedienstes Pleiter, der auch die Böseler Tagespflege betreibt. Erst am Mittwoch habe sie nach einer Anfrage innerhalb einer halben Stunde einen Rückruf bekommen.

So sieht es auch Sonja Schröder, Hygienefachkraft der St.-Marien-Stiftung, die für das St.-Marien-Hospital Friesoythe sowie das angeschlossene Elisabethhaus und den Pflegedienst der Stiftung zuständig ist und erste Anlaufstelle für 700 Mitarbeiter bei Hygiene- und Coronafragen ist. „Wenn ich Fragen hatte, ist immer einer ans Telefon gegangen. Die Wege funktionieren“, betont Schröder. Auch am Wochenende sei immer einer der vier Gesundheitsaufseher des Kreises verfügbar. Schröder meldet sich über das Bürgertelefon, trägt ihre Fragen oder Fälle vor und sagt manchmal, dass sie dringend Antwort benötigt.

Auch Gunnar Evers, Leiter des St.-Michael-Pflegeheims in Bollingen, hat keine Probleme Informationen vom Landkreis zu bekommen. Wie das im Falle einer Corona-Infektion in seinem Hause aussähe, kann er aber nicht beurteilen. Es gab nämlich noch keine. „Wir sind sehr glücklich über die Situation, das war sicher aber auch Glück“, sagt Evers. „Wir haben ein gutes Hygienekonzept und sehr disziplinierte Mitarbeiter.“ Evers merkt aber an, dass die Heimbetreiber sehr wenig Zeit bekämen, neue Verordnungen und Anforderungen umzusetzen.

Eva Dahlmann-Aulike
Eva Dahlmann-Aulike Redaktion Münsterland
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