Scharrel/Sedelsberg - Er wollte das Mitleid von Menschen erhaschen, hat aber selber nichts dafür getan, um seine Situation zu verbessern. Vor genau einem Monat, am 27. November, hat unsere Redaktion anhand eines Artikels aus dem NWZ-Archiv vom 23. Dezember 1966 die Geschichte von Heinrich Rolfes, „Waldheini“, der in einer kaputten Baracke auf dem Muddeberg in Sedelsberg lebte, erzählt.
Um Milch gebeten
Der Artikel rief bei Theo Deddens aus Scharrel Erinnerungen hervor. Er selber sei „Waldheini“ einige Male begegnet, wie er in einem Brief an unsere Redaktion erzählt. Dabei habe er erfahren, wie Rolfes gesinnt gewesen sei. So soll er weder gute getragene Kleidung noch Arbeit angenommen haben. Wie Deddens weiter berichtet, sei „Waldheini“ hauptsächlich mit einem Behälter zu Landwirten gegangen und habe um Milch gebeten. „Häbbt Ji noch wulln Droapen Mälk för mi?“, zitiert ihn Deddens.
Mit dem Behälter sei Rolfes einmal kurz vor Ostern zu Deddens Eltern gegangen und habe um Milch gebeten. „Heini, du kannst wull wat Holt klöven achtert Huus“, hat Deddens nach eigenen Angaben zu ihm gesagt.
Die Antwort, die dann kam, sei für „Waldheini“ typisch gewesen: „Hitler häff mi nich an de Arbeit kreegen un du uk nich!“ So bekam Rolfes keine Milch.
In dem NWZ-Artikel vom 27. November berichtete unsere Redaktion, dass „Waldheini“ letztendlich in ein Altersheim gebracht wurde. Wie genau es dazu kam, weiß Deddens ebenfalls zu berichten. Im Winter 1959/1960 habe der Verwaltungsausschuss im Rathaus Scharrel getagt. „Draußen herrschte ein strenger Winter mit hohen Kältetemperaturen und viel Schnee“, schreibt Deddens. Am Ende der Sitzung habe der ehemalige CDU-Ratsherr Gerhard Deddens aus Sedelsberg angeregt, „Waldheini“ zu besuchen und zu überlegen, wie ihm geholfen werden könne.
„Hafen seiner Träume“
So machten sich die Ausschussmitglieder schon am nächsten Tag auf zu der Baracke und konnten auch das Innere der Hütte sehen. „Waldheini“, so berichtet Deddens, sei es zu viel geworden. „Moakt däi Dören dicht, dat träckt!“, soll er gesagt haben. „Aber dadurch wurde das Innere bei den undichten Stellen auch nicht weniger kalt“, erzählt der Scharreler. Die Idee entstand, Rolfes in ein Altersheim zu bringen. Er bekam einen Platz in einem solchen in Lethe bei Ahlhorn.
Theo Deddens selber war es, der „Waldheini“ dort hingebracht hat. „Offensichtlich war ,Waldheini’ schon informiert worden. Als ich am anderen Tag mit dem Pkw bei ihm vorbeifuhr, hatte er seine Kleinigkeiten in einer Tasche verstaut. Er stieg bereitwillig und ohne Murren ein, wir fuhren sofort los“, erzählt Deddens.
In Lethe angekommen, seien beide im Büro des Altersheims freundlich willkommen geheißen worden. „Waldheini“ hatte immer gesagt, so stand es auch im NWZ-Artikel, dass er die wahren Hintergründe, warum er so lebte, erst dem Menschen erzählen werde, der ihn aufnehme und Mitleid mit ihm habe. Und diesen schien er in Gestalt des Altersheims gefunden zu haben. Deddens: „Waldheini war dort im Hafen seiner Träume gelandet.“
