Friesoythe - „Schnarchen Sie?“, fragt meine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin beim Blick in meinen Rachen. „Und ist das mal überprüft worden?“ Ja und ja, vor mehr als 15 Jahren. Und so habe ich an diesem kühlen Novemberabend einen Termin im Schlaflabor des HNO-Zentrums Friesoythe. Denn: Vor 15 Jahren begann ich zwar schlafend, an den Nerven meines Partners zu sägen. Als Ursache fanden die Ärzte damals jedoch nichts Gesundheitsgefährdendes. Nur eine schiefe Nasenscheidewand. Sie rieten davon ab, zu operieren. Es gebe keine Garantie, dass das was bringt.
Risiko Übergewicht
Einziger Hinweis des Hamburger Lungenarztes: „Jedes Kilo weniger, das auf den Brustkorb drückt, hilft.“ Ich dachte damals: „Du kannst mich mal. Außerdem bin ich Seitenschläferin.“ Damals war ich normalgewichtig, hatte im Studentenjob im Kino viel Bewegung und ging gelegentlich Schwimmen und zum Uni-Sport. 15 Jahre später und mehr als doppelt so viele Kilogramm in die falsche Richtung bin ich heute eine 44-jährige sportfreie Schreibtischtäterin, die vermutlich keinen erholsamen Nachtschlaf hat. Verdacht auf obstruktives Schlafapnoe-Syndrom. Das bedeutet: Meine Atmung setzt im Schlaf aus, weil sich mein Rachenraum verengt. Um wieder Sauerstoff zu bekommen, schlägt das Gehirn Alarm und weckt mich auf. So kommt der ganze Körper nicht ausreichend zur Ruhe.
Um das nachzuweisen, verkabelt mich Patricia Wulff-Hamel, Mitarbeiterin des Friesoyther Schlaflabors, von Kopf bis Unterschenkel. Vier weitere Patienten sind an diesem Abend auf der Station im MVZ–Turm des St.-Marien-Hospitals, alle fünf Betten sind an sieben Nächten in der Woche bis März ausgebucht. „Schlafprobleme werden immer mehr“, sagt Wulff-Hamel. „Auch bei vielen in unserem Alter. Aber das ist ein Tabuthema.“
Jeder bekommt ein ruhiges Einzelzimmer, gegenüber dem Bett hängen eine Kamera und ein Mikrofon, die aufzeichnen, was wir im Schlaf so machen und wie laut. Aufgezeichnet werden mit den Messsonden am Körper Hirnströme, Augenbewegungen, Herzfrequenz, Herzrhythmus, Sauerstoffgehalt des Blutes, Atemfluss, die Bewegung des Brustkorbs und des Bauches beim Atmen, die Muskelspannung des Kinns, die Beinbewegungen und die Körperlage. 30 bis 45 Minuten dauert das Verkabeln pro Patient. Alle Kabel laufen in einem Kasten vor der Brust zusammen. Von dort aus liefern zwei Kabel die Informationen an ein Gerät neben dem Bett.
Um 22.48 Uhr mache ich das Licht aus. Ein komisches Gefühl ist es schon, dass alles aufgezeichnet wird. Ich traue mich kaum die Beine zu bewegen, auch wenn meine Zehen kalt werden. Später zeigt die Auswertung, dass ich innerhalb von zehn Minuten eingeschlafen bin. Dabei hatte ich befürchtet, es würde eine schlaflose Nacht. Aber ich lerne: Man kann auch zu schnell einschlafen. Normalerweise brauchen Menschen etwas länger als zehn Minuten, ich habe also eine „leicht erhöhte Einschlafneigung“.
Überwachung
Nach meinem Gefühl kann ich auch gut durchschlafen – auch das sieht später mit Blick auf die Messdaten anders aus. Wenn ich mich im Halbschlaf umdrehen will, werde ich wacher als normalerweise und bewege mich vorsichtig, um die Klebepunkte nicht abzureißen. Ich kann sogar selbstständig zur Toilette gehen. Dazu muss ich nur die zwei Kabel, die zu dem großen Kasten neben dem Bett gehen, ausstöpseln.
Derweil hat Patricia Wulff-Hamel mich und die vier anderen Patienten in den übrigen Zimmern die ganze Nacht über Monitore und Datenschreiber im Blick. Manche sind wie ich zum ersten Mal hier, bei anderen werden eine Schlafmaske und das dazugehörige Gerät angepasst und eingestellt und wieder andere kommen zur jährlichen Kontrolle, ob alle Einstellungen noch passen. Um 5.30 Uhr ist die Nacht für uns vorbei. Die Messpunkte dürfen abgemacht werden und es gibt noch einen Kaffee. Für mich wird es nicht das letzte Mal im Schlaflabor gewesen sein. Den Termin habe ich schon.
