Friesoythe/Wittenberg - Hätte man der Sage wirklich geglaubt, dann hätte der Friesoyther Pestschinken nie die Stadtgrenze verlassen dürfen. Denn sonst, so hieß es, würde der über 350 Jahre alte Schinken spurlos verschwinden. Doch dem war nicht so, als man sich im Sommer 2021 mit dem vertrockneten Stück Stadtgeschichte auf den Weg in Richtung Wittenberg machte, es blieb ganz. In der Lutherstadt ist der Pestschinken seit August 2021 und bis zum 20. Februar 2022 eines von 130 Exponaten zur Sonderausstellung „Pest. Eine Seuche verändert die Welt“ – und wohl auch das skurrilste Ausstellungsstück.
In dem 58 Zentimeter langen Schweineschinken soll damals die Pest, die die Stadt Friesoythe heimgesucht hatte, gebannt worden sein. In Form einer blauen Wolke soll die tödliche Krankheit in das Fleisch gefahren und fortan die Stadt von der Pest verschont worden sein. Seitdem gilt der Schinken als unverwestlich. Lange Zeit war das auf einem Holzbrett angebrachte Exponat in der Friesoyther Marienschule ausgestellt. Seit 2008 ist es sonst im Friesoyther Rathaus zu sehen.
Historische Tatsache
Zu einem echten Experten in Sachen Pestschinken hat sich Alexander Reuter entwickelt. Der gebürtige Friesoyther hat an der Universität Bremen Kulturwissenschaft studiert und seinen Master mit einer Arbeit über den Pestschinken abgeschlossen. Nun wurde der 29-Jährige von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eingeladen, um einen virtuellen Vortrag über das Ausstellungsstück im Museum Augusteum zu halten. Das rund halbstündige Referat ist eine absolut lohnenswerte Zusammenfassung der Sage um den Pestschinken.
„Die Geschichte um den Pestschinken ist weder eine Tatsache, noch ein Märchen. Jede Sage gründet auf historische Tatsachen“, sagt Reuter. Und es sei damals ein weit verbreiteter Glaube gewesen, die Pest in einen Gegenstand bannen zu können. Das Besondere am Schinken sei, dass es diesen nach so langer Zeit überhaupt noch gebe. Und das mache das Ausstellungstück so interessant.
Warum Schinken?
Zeitlich eingegrenzt wird die Herstellung des Schweineschinkens auf den Zeitraum 1640 bis 1670. Laut Reuter gebe es zwar keine Aufzeichnungen darüber, dass zu dieser Zeit in Friesoythe die Pest gewütet habe, dafür gibt es aber Hinweise auf die Pest in Barßel (1665) und Oldenburg (1667). Und warum ausgerechnet ein Schweineschinken? Dafür hat der Kulturwissenschaftler gleich zwei mögliche Erklärungen. Zum einen könne es ans Evangelium angelehnt sein. Demnach hatte Jesus Männer von Dämonen befreit und diese in eine Herde von Sauen getrieben. Es könne aber auch aus der Naturheilkunde stammen, in der Speck eine heilende Wirkung nachgesagt wurde.
Während der Pestschinken vor Jahren noch wichtiger Bestandteil der Stadtgeschichte und sogar so etwas wie ein Wahrzeichen gewesen sei, interessiere sich heute allerdings kaum noch jemand dafür. „Der Pestschinken ist entzaubert und keine lebendige Geschichte mehr, sondern ein konserviertes Stück Kulturgeschichte“, bedauert Reuter.
