Cloppenburg - Zahlreiche Eltern und Lehrer haben sich am Donnerstagabend in Cloppenburg mit teilweise leidenschaftlichen und emotionalen Plädoyers gegen die geplante Abschaffung der Förderschule Schwerpunkt Lernen (LE) ausgesprochen. Rund 150 Gäste waren zu der Diskussionsveranstaltung „Abschaffung Förderschule Schwerpunkt Lernen – Chance oder Irrweg?“ in die Mensa des Clemens-August-Gymnasium gekommen. Am kommenden Mittwoch will der Niedersächsische Landtag über einen Antrag der CDU-Fraktion abstimmen, nach dem die Förderschule dauerhaft ihren Platz in der Schullandschaft des Landes behalten soll.
Das Schulgesetz in der geltenden Fassung ist eindeutig: 2028 sollen die bisherigen Förderschulen Lernen, die noch in einer Übergangszeit angeboten werden, endgültig auslaufen. Von dann an müssen alle Kinder mit einem Förderbedarf Lernen in den allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden. In Cloppenburg würde dann die Albert-Schweitzer-Schule mit derzeit rund 240 Schülern aus der Kreisstadt und den umliegenden Gemeinden geschlossen werden.
CDU-Kreisvorsitzender und -Landtagsabgeordneter Christoph Eilers (Cappeln) machte den Befürwortern der Förderschulen bereits zu Beginn mit Blick auf die Rot/Grüne-Mehrheit im Landtag wenig Hoffnung auf einen Erfolg. „Der Gesetzentwurf der CDU wird nicht von Erfolg gekrönt sein.“
Noch 54 Schulen
Als Auslaufmodell – ohne es konkret so zu benennen – charakterisierte Grünen-Landtagsabgeordneter Stephan Christ (Cloppenburg) die Förderschule Lernen. Die Zahl der LE-Schulen sei in den vergangenen zehn Jahren landesweit von 175 auf 54 zurückgegangen. Zudem würden nur noch 18 Prozent der Schüler mit Förderbedarf an LE-Schulen unterrichtet. Inklusion – so Christ – gelinge nur an der Regelschule. „Separation und Stigmatisierung lehnen wir ab.“
Ein Teil der förderbedürftigen Kinder an der Regelschule, ein anderer an der Förderschule Lernen: Mit dem Erhalt dieser Doppelstrukturen – so die SPD-Kreisvorsitzende Christiane Priester (Bühren) – würden zu viele Ressourcen gebunden werden. Sie forderte zudem, zusätzliche Studienplätze in der Sonderpädagogik zu schaffen.
Freie Schulwahl
„Wer für die Förderschule Lernen ist, ist nicht automatisch gegen Inklusion“, betonte der CDU-Landtagsabgeordnete Lukas Reinken (Friesoythe). Es gebe schwerwiegende Fälle, für die die Regelschule nicht der richtige Ort sein. Reinken berichtete vom Besuch einer Förderschule in Ostniedersachsen. Dort hätten ihm Kinder, die zuvor eine Regelschule besucht hatten, von Hänseleien und Mobbing berichtet. „Und keiner von ihnen wollte dorthin zurück.“ Eltern müsse die freie Schulwahl gelassen werden, „denn sie wissen, was gut für ihre Kinder ist“.
Auch Kreisrätin Anne Tapken machte sich für einen Erhalt der LE-Schulen stark. Schüler mit Förderbedarf Lernen empfänden LE-Schulen als einen geschützten und familiären Bereich. Eltern müssten weiterhin frei wählen können.
Ingo Götting, Rektor der Cloppenburger Grundschule St. Andreas, berichtete, dass zunächst einmal die Strukturen für Inklusion an Regelschulen geschaffen werden müssten. Das fange beispielsweise mit wesentlich kleineren Klassen an: „Und die gibt es in Deutschland nicht.“ Rot/Grün wolle die Inklusion an der Regelschule nach dem Motto „Augen zu und durch“ um jeden Preis und sich erst anschließend um die nötigen Voraussetzungen kümmern. „Da fällt eine Generation Kinder hinten runter“, kommentierte eine Zuhörerin.
„Wieso sind die Regelschulen in Deutschland nicht so gut ausgestattet, dass sich die Förderschule so von selbst abschafft?“, plädierte Kreiselternratsvorsitzende Michaela Paschen (Cappeln) unter anderem mit dieser rhetorischen Frage für einen Erhalt der Förderschule Lernen. Die Abschaffung der LE-Schulen – so Paschen weiter – sei bereits 2014 beschlossen worden, passiert sei seither wenig.
Elternberichte
Verschiedene Eltern berichteten von positiven Erfahrungen, die ihre Kinder mit Förderbedarf Lernen an der Albert-Schweitzer-Schule gemacht hätten. Einige von ihnen erzählten zudem von einem Wechsel von der Regel- an die Förderschule, der ihrem Nachwuchs sehr gutgetan habe. An der Förderschule Lernen hätten die Kinder zudem wesentlich bessere Voraussetzungen, einen Abschluss zu machen, hieß es. Dort könne man sich wesentlich besser um jeden Einzelnen und dessen persönliche Befindlichkeiten kümmern.
Eine Mutter berichtete hingegen von den guten Erfahrungen ihrer Tochter an einer Regelschule. Diese wäre heute nicht Teil der Gesellschaft, der Weg „hätte in die Werkstatt geführt“. Gleichwohl, erklärte die Mutter, habe die Tochter ganz massiv von einer Lehrperson profitiert, die eine Haltung zum Thema Inklusion habe. Diese habe dem Mädchen ohne Unterstützung eines Sonderschullehrers Lesen und Schreiben beigebracht.
